Rede von Dr. Elke König, Präsidentin der BaFin, zur Amtsübergabe am 24. Januar 2012 in Frankfurt am Main
Feierstunde zum Amtswechsel des Präsidenten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)
- Datum:
- 24. Januar 2012
- Ort:
- Frankfurt am Main
- Redner:
- Dr. Elke König
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrte Frau Sanio,
sehr geehrter Herr Sanio,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
es ist eine große Ehre für mich, Herr Minister, dass Sie mich in so feierlichem Rahmen in mein Amt als Präsidentin der BaFin eingeführt haben. Ich danke Ihnen sehr für Ihre wohlwollenden Worte und das große Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen.
Vor einem Jahr ahnte ich noch nicht, dass mich mein beruflicher Weg noch einmal zurück in meine rheinische Heimat führen würde – geschweige denn, dass ich zur Präsidentin der BaFin ernannt würde.
Mit meiner Berufung haben Sie einen neuen Weg beschritten: Zum ersten Mal steht an der Spitze der deutschen Finanzaufsicht kein Jurist, sondern ein Betriebswirt. Dass wir im Direktorium der BaFin betriebswirtschaftliches und juristisches Fachwissen vereinen – das Verhältnis ist nun ausgewogen, zwei zu drei – ist angesichts der komplexen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sicherlich kein Nachteil.
Sehr geehrter Herr Sanio, ich trete Ihre Nachfolge an. Sie haben die deutsche Finanzaufsicht über viele Jahre geprägt. Für ihre Belange sind Sie immer energisch eingetreten – im Inland wie im Ausland. Sie haben das nie als Lobbyist getan, sondern als jemand, der den deutschen Finanzplatz und seine echten und vermeintlichen Besonderheiten kennt. Sie und die BaFin unter Ihrer Leitung wussten gut zwischen berechtigten nationalen Interessen und nationalen Egoismen zu unterscheiden und – das halte ich für besonders wichtig – hatten immer das große Ganze im Blick: die Stabilität des deutschen Finanzplatzes im europäischen und zunehmend globalen Kontext.
Wie sehr man in den internationalen Regulierungsgremien Ihren Sachverstand geschätzt und Ihre Durchsetzungsfähigkeit gefürchtet hat, habe ich bereits bei meinen ersten Kontakten als BaFin-Präsidentin auf internationalem Parkett erfahren. "Jochen is a character." Diesen Satz habe ich häufig gehört.
Dass es wichtig ist, am Entwurf regulatorischer Standards in Europa und weltweit mitzuwirken und klare Positionen einzunehmen, kann ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen nur unterstreichen.
Die letzten Jahre haben sehr deutlich die globale Vernetzung der Finanzmärkte gezeigt. Dieses System kann nur dann auf Dauer stabil sein, wenn überall gleichwertige Standards gelten und alle wesentlichen Marktsegmente transparent sind und angemessen reguliert werden. Mit Vehemenz wird sich die BaFin daher weiterhin dafür einsetzen, das Schattenbankensystem zu regulieren. Das wird umso dringlicher, je mehr die Bankenaufsicht verschärft wird. Denn: Der Anreiz für einzelne Marktteilnehmer, in schwach oder nicht regulierte Gefilde auszuweichen, wird bekanntlich stärker, je strenger es im regulierten Sektor zugeht.
Herr Sanio, Sie haben sich nie gescheut, klar Stellung zu beziehen, und sind damit selbstverständlich nicht überall auf Zustimmung gestoßen. Unter Ihrer Präsidentschaft hat die BaFin manche unbequeme Entscheidung treffen müssen und getroffen. Das wird sich auch künftig nicht ändern. Die Finanzindustrie braucht eine starke und durchsetzungsfähige Aufsicht – und insgeheim schätzt sie sie.
Doch wir werden nach guter BaFin-Tradition auch in Zukunft Aufsicht mit Augenmaß betreiben. Und wir werden uns international unverändert für eine Regulierung mit Augenmaß einsetzen. Gab es vor der Krise in einzelnen Bereichen zu wenig Regulierung bzw. Regulierung, die falsche Anreize setzte, so dürfen wir nun nicht der Versuchung erliegen, für alle Eventualitäten und bis ins letzte Detail Regeln zu entwickeln.
Regulierung und Aufsicht mit Augenmaß bedeutet auch, nicht alle Banken und Versicherer über einen Kamm zu scheren. Die regulatorischen Anforderungen und die Intensität der Aufsicht müssen sich nach Art und Umfang der Geschäfte, dem Gesamtrisiko und der Relevanz der einzelnen Unternehmen richten. Von diesem Grundsatz dürfen wir nicht abweichen.
Regulierung ist ein schwieriger Balanceakt, der aber, davon bin ich überzeugt, auch weiterhin gelingen kann.
Ebenso wichtig wie Augenmaß ist Verlässlichkeit. Zwar muss die Aufsicht die Möglichkeit haben, kurzfristig auf Marktentwicklungen zu reagieren. Aber abrupte Richtungswechsel ohne erkennbaren Grund und permanente Nachbesserungen dienen nicht der Stabilität. Es muss eine aufsichtsrechtliche Linie erkennbar sein, an der sich die Finanzindustrie orientieren kann. Aufsicht muss berechenbar sein. Auch daran wird die BaFin festhalten.
Herr Minister, Sie haben mir gegenüber kein Hehl daraus gemacht, dass ich eine sehr schwierige Aufgabe übernehmen würde. In der Tat: Ich könnte mir leichtere Bedingungen für den Start in mein neues Amt vorstellen. Die derzeitige wirtschaftliche Situation verlangt auch den Mitarbeitern der Aufsicht sehr viel ab. Zudem werfen große Regelwerke ihre Schatten voraus – Solvency II und Basel III, um nur zwei zu nennen. Die BaFin muss ihre Aufgaben vor diesem Hintergrund, aber auch mit Blick auf das neue europäische Aufsichtssystem, überdenken und in Teilen neu definieren. Die Aussicht, daran mitzuwirken, sehe ich als Chance, die ich gemeinsam mit meinen Kollegen im Direktorium und der gesamten BaFin nutzen möchte. Ich baue dabei auf die enge Kooperation mit dem Bundesfinanzministerium und das bewährte Zusammenspiel mit der Deutschen Bundesbank.
Trotz der großen Herausforderungen, denen wir uns in nächster Zeit zu stellen haben, bin ich zuversichtlich: Die BaFin steht auf einem soliden Fundament. Ich weiß starke Partner an meiner Seite: das Direktorium und die Beschäftigten der BaFin. Herr Sanio, Sie haben mir ein gut geführtes Haus übergeben, eine Mannschaft, die hochqualifiziert und mit großem Engagement eine wichtige Arbeit leistet: die Funktionsfähigkeit, Stabilität und Integrität des deutschen Finanzmarktes zu sichern. Die deutsche Allfinanzaufsicht steht gut da. Das, sehr geehrter Herr Sanio, ist auch Ihr Verdienst, und dafür möchte ich Ihnen herzlich danken.
Erlauben Sie mir zum Abschluss ein Wort an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der BaFin: Ich freue mich darauf, gemeinsam mit Ihnen entschlossen und mit Optimismus die schwierigen vor uns liegenden Aufgaben anzugehen.
Sehr geehrter Herr Minister,
meine Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
die BaFin soll auch künftig eine schlagkräftige, umsichtige und verlässliche Aufsichtsbehörde sein, die national wie international geachtet ist; hierzu möchte ich in den kommenden Jahren beitragen.
Herzlichen Dank!
