BaFin

Thema Risikomanagement Vorbereitung auf Solvency II: Risikomanagement

Datum: 25.02.2015

Vorbereitungen zum Risikomanagement

Auf dieser Seite:

I. Anwendungsbereich

1 Diese Veröffentlichung richtet sich an alle inländischen Versicherungsunternehmen, die ab 1. Januar 2016 in den Anwendungsbereich der Solvency-II-Richtlinie fallen (im Folgenden „Unternehmen“), sowie an alle Versicherungsgruppen, für welche die BaFin unter der Geltung der Solvency-II-Richtlinie die für die Gruppenaufsicht zuständige Behörde sein wird.

2 Dies sind alle inländischen Erst- und Rückversicherungsunternehmen, soweit sie nicht Sterbekassen im Sinne des Artikels 10 Solvency-II-Richtlinie oder Pensionskassen sind, nach Artikel 4 Solvency-II-Richtlinie von deren Anwendungsbereich ausgeschlossen sind oder als Rückversicherungsunternehmen ihre Tätigkeit nach Artikel 12 Solvency-II-Richtlinie eingestellt haben. Nicht angesprochen sind außerdem Erst- und Rückversicherungsunternehmen, die den Abschluss neuer Versicherungs- oder Rückversicherungsverträge bis zum 1. Januar 2016 einstellen und ihr Portfolio ausschließlich mit dem Ziel verwalten, ihre Tätigkeit einzustellen, und die weiteren in Artikel 308b Absatz 1 der Solvency-II-Richtlinie genannten Voraussetzungen erfüllen.

3 Außerdem sind dies alle Versicherungsgruppen, die ausschließlich aus inländischen Erst- und Rückversicherungsunternehmen bestehen, sowie Versicherungsgruppen mit Erst- oder Rückversicherungsunternehmen in anderen EWR-Staaten, für welche die BaFin nach den in Artikel 247 Absatz 2 Solvency-II-Richtlinie genannten Kriterien die für die Gruppenaufsicht zuständige Behörde sein wird.

II. Proportionalität

4 Bei der Umsetzung der Anforderungen an das Risikomanagement spielt der Grundsatz der Proportionalität eine erhebliche Rolle. Die Anforderungen sind auf eine Weise zu erfüllen, die der Wesensart, dem Umfang und der Komplexität der mit der Geschäftstätigkeit des Unternehmens einhergehenden Risiken gerecht wird. Der Proportionalitätsgrundsatz knüpft also an das individuelle Risikoprofil eines jeden Unternehmens an und verlangt daher eine Einzelfallbetrachtung. Die Einschätzung, welche Gestaltung als proportional anzusehen ist, ist auch in Bezug auf das einzelne Unternehmen nicht statisch, sondern passt sich im Zeitablauf den sich verändernden Gegebenheiten an. In diesem Sinne haben die Unternehmen sowie die Versicherungsgruppen zu prüfen, ob und wie die vorhandenen Strukturen und Prozesse weiter entwickelt werden können und gegebenenfalls müssen.

5 Proportionalität betrifft nicht die Frage, ob die geltenden Anforderungen zu erfüllen sind. Sie wirkt sich nur darauf aus, auf welche Art und Weise die Anforderungen erfüllt werden können.

III. Rechtsumfeld

6 Die Unternehmen sollten sich nicht nur mit den EIOPA-Vorbereitungsleitlinien zum Governance-System (Vorbereitungsleitlinien), hier insbesondere mit den Vorbereitungsleitlinien 15 bis 24 sowie 49 bis 52, und den Erläuterungen von EIOPA hierzu auseinandersetzen, sondern auch mit den entsprechenden Artikeln der Solvency-II-Richtlinie. Außerdem ist die Delegierte Verordnung (EU) 2015/35 der Kommission vom 10. Oktober 2014 zu beachten. Schließlich sollten die Entwicklung bei den finalen EIOPA-Leitlinien und das neue VAG (verkündet im BGBl. I S. 434 am 10. April 2015; das neue VAG tritt – abgesehen von § 355 VAG (neu) – erst am 01. Januar 2016 in Kraft) in die Planungen einbezogen werden.

IV. Allgemeines

7 Nach geltender Rechtslage existieren bereits eine Reihe aufsichtsrechtlicher Anforderungen an das Risikomanagementsystem. Sie bilden für die Unternehmen eine geeignete Grundlage, um die ab dem 1. Januar 2016 geltenden Anforderungen an das Risikomanagementsystem erfüllen zu können.

8 Die Einführung des § 64a VAG sowie dessen Konkretisierungen in den Rundschreiben 3/2009 (Aufsichtsrechtliche Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk VA)) und 4/2011 (Hinweise zur Anlage des gebundenen Vermögens von Versicherungsunternehmen) zielten ausdrücklich darauf ab, dass sich die Unter-nehmen frühzeitig auf die kommenden Aufsichtsstandards vorbereiten.

9 Die derzeit geltenden Anforderungen an das Risikomanagementsystem weichen in einigen Punkten von den künftigen Vorgaben des Solvency-II-Regimes ab. Die Unternehmen sind aufgefordert zu prüfen, ob der bisherige Aufbau ihres Risikomanagementsystems den neuen Anforderungen genügt.

10 Unter Solvency II umfasst das Risikomanagementsystem sämtliche Risiken, denen die Unternehmen tatsächlich oder möglicherweise ausgesetzt sind. Das Risikomanagementsystem muss sicherstellen, dass die Risiken angemessen identifiziert, bewertet, überwacht, gesteuert und berichtet werden. Hierzu haben die Unternehmen geeignete Strategien, Prozesse und interne Meldeverfahren zu implementieren.

11 Das interne Kontrollsystem, das bisher Bestandteil des Risikomanagementsystems ist, wird künftig ein eigenständiges Element des Governance-Systems sein (siehe Kapitel IV der Veröffentlichung zum Themenblock 6: „Interne Kontrollen und interne Revision“).

12 Im Folgenden werden ausgewählte Aspekte der Vorbereitungsleitlinien erläutert.

V. Rolle des Verwaltungs-, Management- oder Aufsichtsorgans im Risikomanagementsystem – Vorbereitungsleitlinie 15

13 Im Zusammenhang mit der Vorbereitungsleitlinie 15 wird unter dem Begriff „Verwaltungs-, Management- oder Aufsichtsorgan“ national die Geschäftsleitung verstanden.

14 Die gesamte Geschäftsleitung ist dafür verantwortlich, dass das Risikomanagementsystem angemessen und wirksam ausgestaltet ist. Diese Verantwortung kann nicht delegiert werden.

15 Die Verantwortung der Geschäftsleitung entbindet das gesellschaftsrechtliche Aufsichtsorgan nicht von der Pflicht zu überwachen, ob die Geschäftsleitung ein angemessenes und wirksames Risikomanagementsystem eingerichtet hat.

16 Unabhängig von der Verantwortung der Geschäftsleitung muss das Risikomanagement wegen seiner Bedeutsamkeit in der Regel ressortseitig zugeordnet werden.

17 Die Geschäftsleitung beachtet, dass nicht alle Aufgaben des Risikomanagements ressortseitig delegiert werden können. Insbesondere die strategischen Entscheidungen und die Festlegungen zum organisatorischen Rahmen des Risikomanagements verbleiben bei der gesamten Geschäftsleitung.

18 Eine nicht delegierbare Aufgabe ist beispielsweise das Entwickeln eines gemeinsamen Risikoverständnisses („gemeinsame Risikosprache“), das ein konsistentes und wirksames Risikomanagement über alle Unternehmensbereiche hinweg sicherstellt. Hierzu gehört auch die Festlegung der unternehmensindividuellen Wesentlichkeits-grenzen. Weiterhin ist es Aufgabe der gesamten Geschäftsleitung, die Risikostrategie mindestens einmal jährlich zu überprüfen und zu beschließen.

19 Die Geschäftsleitung muss bei ihren Entscheidungen die Informationen aus dem Risikomanagementsystem angemessen berücksichtigen. Dies erfordert auch eine angemessene Einbindung der unabhängigen Risikocontrollingfunktion (URCF) als zentrale Stelle für das operative Risikomanagement. Die Einbindung der URCF befreit die Geschäftsleitung nicht von ihrer eigenen Entscheidungsverantwortung.

20 Die Geschäftsleitung kann Tätigkeiten bzw. Aufgaben des Risikomanagements auf Dritte ausgliedern. Die generellen Anforderungen an die Ausgliederung von Tätigkeiten und Aufgaben werden in einer gesonderten Veröffentlichung (Veröffentlichung zum Themenblock 8: „Outsourcing“) erläutert.

VI. Unabhängige Risikocontrollingfunktion: Allgemeine Aufgaben – Vorbereitungsleitlinie 17

21 Abweichend von den Vorbereitungsleitlinien wird die Risikomanagementfunktion national als unabhängige Risikocontrollingfunktion (URCF) bezeichnet. Der Begriff „URCF“ ist bereits im VAG etabliert und soll auch unter Solvency II fortbestehen (vgl. § 26 Absatz 8 VAG (neu)). Er wird synonym zum Begriff „Risikomanagementfunktion“ verwendet.

22 Die URCF ist eine Schlüsselfunktion. Den Unternehmen steht es grundsätzlich frei, wie sie die URCF ausgestalten und in die Aufbauorganisation einbinden. Es gelten jedoch die im Kapitel VII der Veröffentlichung zum Themenblock 1: „Allgemeine Governance-Anforderungen“ genannten Grundsätze. Die URCF ist unter anderem so einzurichten, dass sie jederzeit frei von Einflüssen ist, die eine objektive, faire und unabhängige Aufgabenerfüllung beeinträchtigen können.

23 Die URCF muss die Umsetzung des Risikomanagementsystems maßgeblich befördern. Sie nimmt für die Geschäftsleitung die operative Durchführung des Risikomanagements wahr. In diesem Zusammenhang weist die URCF die Geschäftsleitung aktiv auf Mängel bzw. Verbesserungspotentiale des Risikomanagementsystems hin. Sie hilft der Geschäftsleitung fortlaufend, Mängel abzustellen und das Risikomanagementsystem weiter zu entwickeln.

24 Eine Bündelung der URCF mit der versicherungsmathematischen Funktion oder der Compliance-Funktion ist nur unter Beachtung des Proportionalitätsgrundsatzes möglich. Die Unternehmen müssen zudem in diesen Fällen darlegen, dass trotz der Bündelung die Aufgaben der URCF und der anderen Funktion vollständig und unabhängig wahrgenommen werden können. Für eine Bündelung der URCF mit der Funktion der internen Revision gelten besondere Bedingungen (siehe Veröffentlichung zum Themenblock 6: „Interne Kontrollen und interne Revision“, Rn. 51 ff.).

25 Eine Kooperation der URCF mit anderen Schlüsselfunktionen oder Bereichen darf einer unabhängigen Aufgabenwahrnehmung nicht entgegenstehen. Es obliegt den Unternehmen, unter anderem durch Festlegung klarer Zuständigkeiten unangemessene Einflüsse auszuschließen.

26 Darüber hinaus gelten die in der Veröffentlichung zum Themenblock 2: „Fachliche Qualifikation und persönliche Zuverlässigkeit“ genannten Anforderungen.

VII. Risikomanagementleitlinien – Vorbereitungsleitlinie 16

27 Für das Risikomanagement sind schriftliche Leitlinien zu erstellen. Die Anforderungen der Vorbereitungsleitlinien an die Risikomanagementleitlinien stellen Mindestanforderungen dar. Den Unternehmen steht es frei, die schriftlichen Leitlinien für das Risikomanagement in einem Dokument zusammenzufassen. Des Weiteren gelten für die schriftlichen Leitlinien die im Kapitel V der Veröffentlichung zum Themenblock 1: „Allgemeine Governance-Anforderungen“ genannten Grundsätze.

28 Die schriftlichen Leitlinien zum Risikomanagement müssen konsistent zur Risikostrategie sein.

29 Die schriftlichen Leitlinien zum Risikomanagement decken zumindest die mit wesentlichen Risiken behafteten Geschäftsabläufe ab. Der Begriff „materielle“ Risiken im Erläuterungstext der Vorbereitungsleitlinien wird synonym als „wesentliche“ Risiken verstanden.

30 Welche Geschäftsabläufe mit wesentlichen Risiken einhergehen, prüfen die Unter-nehmen anhand geeigneter Kriterien. Hierbei sind die unternehmensindividuellen Wesentlichkeitsgrenzen zu berücksichtigen. Diese gehen über die Wesentlichkeits-grenzen der MaRisk VA hinaus (siehe Veröffentlichung zum Themenblock 1: „Allgemeine Governance-Anforderungen“, Rn. 23 f.).

31 Schriftliche Leitlinien müssen mindestens für die Zeichnung von Versicherungsrisiken und die Bildung von Rückstellungen, die Steuerung operationeller Risiken, die passive Rückversicherung und andere Risikominderungstechniken, das Aktiv-Passiv-Management, die Kapitalanlagen sowie die Steuerung des Liquiditäts- und des Konzentrationsrisikos erstellt werden.

32 Die schriftlichen Leitlinien erläutern auch die Aufgaben sowie die Stellung und Befugnisse der URCF.

33 Als Instrument des Risikobewertungsprozesses führen die Unternehmen unternehmensindividuelle Stresstests durch, die dem Risikoprofil des Unternehmens Rechnung tragen. Die schriftlichen Leitlinien zum Risikomanagement gehen auf die Häufigkeit und den Inhalt der unternehmensindividuellen Stresstests (siehe Anmerkung Nr. 1) ein. In diesem Zusammenhang sollten die Unternehmen zum Beispiel die einzubeziehenden Bereiche, die Stichtage bzw. Auslöser, die Prozesse und die möglichen Methoden festlegen.

VIII. Risikomanagementleitlinien für das operationelle Risiko – Vorbereitungsleitlinie 19

34 Das Risikomanagementsystem muss operationellen Risiken durch angemessene Maßnahmen Rechnung tragen. Zu diesem Zweck ist es notwendig, operationelle Risiken in den Risikomanagementleitlinien klar von anderen Risiken abzugrenzen.

35 Operationelle Risiken im Rahmen des Risikomanagements schließen auch die in § 97 Absatz 3 Satz 2 VAG (neu) genannten Rechtsrisiken ein.

36 Rechtsänderungsrisiken, zumindest diejenigen, die mit in der Vergangenheit abgeschlossenen Geschäften verbunden sind, müssen angemessen berücksichtigt werden. Rechtsänderungsrisiken bezeichnen dabei Risiken, die sich aufgrund einer Änderung des Rechtsumfeldes einschließlich der aufsichtsbehördlichen Anforderungen ergeben.

37 Risiken aus strategischen Entscheidungen fallen zusammen mit den Reputationsrisiken nicht in den Bereich der operationellen Risiken. Für diese Risiken bedarf es einer gesonderten Betrachtung.

38 Eine Analyse operationeller Risiken ist auch vor der Einführung oder wesentlichen Änderung von Produkten, Prozessen und Systemen durchzuführen. Die Ergebnisse dieser Analyse sind in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.

39 Die Unternehmen implementieren einen Prozess für die Erhebung und Überwachung operationeller Risikoereignisse, mit dem zumindest die internen Schadenereignisse erfasst werden. Die notwendigen Prozessschritte sind zu dokumentieren. Die Unternehmen können angemessene Schwellenwerte festlegen, beispielsweise ab welcher Schadenhöhe die Schadenereignisse zu erfassen sind.

40 Um möglichst viele Schadenereignisse zu berücksichtigen, erscheint es sinnvoll, die internen Daten um geeignete Schadenereignisse anderer Unternehmen zu ergänzen. Diese Informationen könnten unter anderem aus externen Verlustdatenbanken oder Pressemitteilungen gewonnen werden.

41 Die Unternehmen sollten als Teil ihres Frühwarnsystems Key Risk Indikatoren einführen. Unter Key Risk Indikatoren sind Risikokennzahlen und/oder Statistiken zu verstehen, mit deren Hilfe die Exponierung der Treiber auch der wesentlichen operationellen Risiken gemessen und überwacht werden kann.

42 Wesentliche Schadenereignisse, die aus operationellen Risiken resultieren, sind der Geschäftsleitung unverzüglich zu berichten und hinsichtlich ihrer Ursachen zu analysieren. Welche Schadenereignisse hierunter fallen, ist unternehmensindividuell fest-zulegen. Die Geschäftsleitung entscheidet, ob und welche zusätzlichen Maßnahmen zu ergreifen sind. Die Umsetzung der Maßnahmen ist zu überwachen.

IX. Risikomanagementleitlinien für die passive Rückversicherung und andere Risikominderungstechniken – Vorbereitungsleitlinie 21

43 Die Unternehmen dürfen sich bei der Auswahl der Risikominderungspartner nicht ausschließlich auf die von Dritten bereitgestellten Informationen stützen. Jedoch können sie die von Dritten bereitgestellten Informationen in ihre eigene Beurteilung einbeziehen.

X. Risikomanagementleitlinien für das Aktiv-Passiv-Management – Vorbereitungsleitlinie 22

44 Die Anforderungen dieser Vorbereitungsleitlinie an das Aktiv-Passiv-Management (ALM) gehen nicht über die bereits geltenden Regelungen hinaus (vgl. insbesondere Rundschreiben 4/2011 (VA) Abschnitt B.2.4). Zur Vorbereitung auf das neue Aufsichtsregime unter Solvency II sind nunmehr auch die Rückversicherer gehalten, das in ihrem Unternehmen vorgesehene Verfahren des Aktiv-Passiv-Managements in einem separaten Abschnitt oder Dokument zu dokumentieren.

45 Die Erläuterungen zur Vorbereitungsleitlinie 22, Ziffer 1.82 definieren ALM sinngemäß als die koordinierte Steuerung des Risikos aus Schwankungen des wirtschaftlichen Wertes von Aktiva und Passiva. Neben dieser ökonomischen Sichtweise sollte – je nach unternehmensindividueller ALM-Zielsetzung – auch die bilanzielle Sichtweise zu Buchwerten berücksichtigt werden.

46 Die vorgenannte koordinierte Steuerung bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Aktiva und Passiva im Hinblick auf die untersuchten Risikofaktoren (zum Beispiel Duration) ausgeglichen sein müssen. Vielmehr kann ein Unternehmen bewusst diesbezügliche Inkongruenzen zulassen, die im Einklang mit seiner Risikostrategie und den daraus abgeleiteten Limiten stehen. Gleichwohl ist zum Beispiel bei der Steuerung der Terminstruktur des Anlageportfolios die Terminstruktur der Verbindlichkeiten zu berücksichtigen, wobei die Steuerungsmöglichkeiten bezüglich der Terminstruktur des Anlageportfolios am stärksten durch die Größe des Anlageportfolios begrenzt sind.

47 Im Rahmen des ALM sind auch Stresstests und Szenarioanalysen (siehe Anmerkung Nr. 2) durchzuführen. Um für das Risikomanagement geeignet zu sein, müssen sie dem Risikoprofil des Unternehmens Rechnung tragen. Der derzeitige BaFin-Stresstest ist insofern in der Regel nicht als unternehmensindividueller Stresstest geeignet.

48 Die bisherigen Kapitalanlagerichtlinien können in den neuen Leitlinien aufgehen.

XI. Risikomanagementleitlinien für das Anlagerisiko – Vorbereitungsleitlinie 23

49 Mit dem Wegfall der quantitativen Beschränkungen im Rahmen der Einführung von Solvency II steigt die Notwendigkeit einer ausführlichen Beschreibung des Risiko-managements bezüglich Kapitalanlagen. Detailregelungen, die bisher durch die Verordnung über die Anlage des gebundenen Vermögens von Versicherungsunternehmen exogen festgelegt waren, müssen nun in den Risikomanagementleitlinien in Bezug auf Anlagen unternehmensindividuell detailliert dargestellt werden.

50 Die sich aus der Vorbereitungsleitlinie 23 ergebenden Anforderungen sind nicht gänzlich neu. Die Ausführungen im Rundschreiben 4/2011 (zum Beispiel Abschnitte B.1., B.2.2, B.2.3) stellen eine gute Grundlage dar, die zukünftigen Anforderungen der Vorbereitungsleitlinie 23 zu erfüllen.

51 Eine wesentliche Neuerung ist, dass sich die Anforderungen nicht nur auf das gebundene Vermögen, sondern auf das gesamte Vermögen beziehen (siehe hierzu Veröffentlichung zum Themenblock 4: „Grundsatz der unternehmerischen Vorsicht“, Rn. 14).

52 Die Risikomanagementleitlinien in Bezug auf Anlagen haben zumindest die in der Vorbereitungsleitlinie 23 aufgeführten Punkte zu erfassen. Für darüber hinausgehende Beschreibungen mit besonderer Detailtiefe ist ein Verweis auf Spezialdokumentationen zulässig.

53 Im Einklang mit der Vorbereitungsleitlinie 23 ist der vom Unternehmen angestrebte Grad an Sicherheit, Qualität, Liquidität, Rentabilität und Verfügbarkeit in den Risikomanagementleitlinien in Bezug auf Anlagen anzugeben. Diese Angabe setzt eine Beschreibung jeder Abstufung voraus, welche zum Beispiel anhand von geeigneten Kennzahlen erfolgen kann. Dabei sollte auf die Wechselwirkungen der einzelnen Eigenschaften (zum Beispiel Sicherheit oder Rentabilität) und auf die Portfolioaggregation eingegangen werden.

54 Für jede Art von Anlagen, in die das Unternehmen investiert ist oder beabsichtigt zu investieren, sind interne quantitative Grenzen und Exposures festzulegen, deren Einhaltung den angestrebten Grad an Sicherheit, Qualität, Liquidität, Rentabilität und Verfügbarkeit gewährleistet. Das Vorgehen bei Verletzung einer oder mehrerer Grenzen sollte in den Risikomanagementleitlinien in Bezug auf Anlagen erläutert werden.

55 Entsprechend der Vorbereitungsleitlinie 23 haben die Risikomanagementleitlinien in Bezug auf Anlagen auch das Finanzmarktumfeld zu berücksichtigen. Unter der Berücksichtigung des Finanzmarktumfeldes sind sowohl die generellen Gegebenheiten als auch aktuelle Umstände, Regulierungsänderungen sowie Finanzmarktkennzahlen zu verstehen.

56 Die Beschreibung des Zusammenhanges zwischen dem Marktrisiko und anderen Risiken (unter anderem Kreditrisiken, Konzentrationsrisiken, Liquiditätsrisiken, operationelle Risiken, versicherungstechnische Risiken, Kostenrisiken und Stornorisiken) in ungünstigen Szenarien erfordert die Definition der wesentlichen vom Versicherungsunternehmen als ungünstig betrachteten Szenarien.

57 Im Zusammenhang mit der Beschreibung der Verfahren für die angemessene Bewertung und Überprüfung der Kapitalanlage sollte auch der Turnus der Überprüfung der Angemessenheit des Portfolios bezogen auf den Versicherungsbestand beschrieben werden und nach welchen Kriterien die Angemessenheitsprüfung erfolgt.

58 Zeigt sich bei der Überwachung der Performance der Anlagen eine für das Versicherungsunternehmen spürbar negative Entwicklung, so ist es gegebenenfalls erforderlich, eine anlassgebundene Überarbeitung der Risikomanagementleitlinien vorzunehmen.

XII. Risikomanagementleitlinien für das Liquiditätsrisiko – Vorbereitungsleitlinie 24

59 Die jederzeitige Liquidität und damit einhergehend das Erfordernis eines Liquiditätsrisikomanagements sind bereits feste Bestandteile des Aufsichtssystems, ebenso die entsprechende Dokumentationspflicht in Form innerbetrieblicher Anlagerichtlinien (vgl. § 54 VAG in Verbindung mit Rundschreiben 4/2011 (VA) Abschnitte B.2. und B.3). Auch die besonderen Anforderungen an das Liquiditätsrisikomanagement beim Betrieb von Kapitalisierungsgeschäften werden unter Solvency II fortbestehen.

60 Das Liquiditätsrisiko ist in § 7 Nummer 19 VAG (neu) definiert (siehe Anmerkung Nr. 3). Es entspricht dem bisherigen Grundgedanken (vgl. Rundschreiben 4/2011 (VA) Abschnitt B.2.1 c) iv)), beschränkt sich aber nicht nur auf Kapitalanlagen, sondern bezieht die Realisierbarkeit auch anderer Vermögenswerte (zum Beispiel Beitragsforderungen) in die Betrachtung ein.

61 Im Rahmen des Liquiditätsrisikomanagements sind unter anderem die erwarteten Ein- und Auszahlungen bis zu den betrachteten Stichtagen zu ermitteln. Diese Zahlungsströme resultieren beispielsweise aus der Kapitalanlagetätigkeit, dem Erstversicherungsgeschäft sowie dem aktiven und passiven Rückversicherungsgeschäft. Um die Quellen der jeweiligen Zahlungsströme erkennen zu können, sind die Zahlungsströme unsaldiert zu erfassen (Bruttoausweis). Die erwarteten Ein- und Auszahlungen sind miteinander zu vergleichen (Analyse von möglichen Liquiditätslücken). Das in Vorbereitungsleitlinie 24, Ziffer 1.51 Buchstabe a) erwähnte Ungleichgewicht ergibt sich als Differenz der erwarteten Ein- und Auszahlungen zu den jeweils betrachteten Stichtagen (Liquiditätsüberschuss oder Liquiditätsdefizit). Das Verhältnis der bis zu den betrachteten Stichtagen erwarteten Einzahlungen inklusive der in diesem Zeitraum realisierbaren Zahlungsmittel (Liquiditätsquellen) zu den in diesem Zeitraum erwarteten Auszahlungen (Liquiditätsbedarfe) ergibt die jeweilige Liquiditätsbedeckungsquote. Sowohl der Liquiditätsüberschuss/-bedarf als auch die Liquiditätsbedeckungsquote sind zu ermitteln.

62 Das Liquiditätsrisikomanagement hat kurz-, mittel- und langfristige Aspekte zu berücksichtigen (vgl. auch Artikel 260 Absatz 1 Buchstabe d) der Delegierten Verordnung). Es hat auch den Bereich der fondsgebundenen Versicherungen zu umfassen (vgl. Veröffentlichung zum Themenblock 4: „Grundsatz der unternehmerischen Vorsicht“, Rn. 56).

63 Um eine angemessene Liquiditätsreserve bestimmen zu können, sind auch Liquiditätsstresstests durchzuführen. Dabei sind ungünstige Ereignisse bezüglich sowohl der Aktiva (zum Beispiel aufgrund geänderter Marktbedingungen entfallene Liquidierbarkeit von als liquide eingestuften Kapitalanlagen) als auch der Passiva (zum Beispiel unerwartete Mittelabflüsse) zu berücksichtigen. Die BaFin erwartet, dass die Ausgestaltung und Häufigkeit von Liquiditätsstresstests in den Risikomanagementleitlinien dargelegt und diese regelmäßig auf ihre Angemessenheit hin überprüft werden.

64 Das Liquiditätsniveau gibt den Anteil von innerhalb eines bestimmten Zeitraumes (sogenanntes Laufzeitband) verfügbaren Zahlungsmitteln an den gesamten Vermögensanlagen an. Als Anhalt für die Definition von Laufzeitbändern kann § 2 der Liquiditätsverordnung (siehe Anmerkung Nr. 4) dienen. Hierfür ist es hilfreich, alle Vermögensanlagen mit entsprechenden Liquiditätskennzeichen zu versehen.

65 Die Anforderung, alternative Finanzierungsinstrumente und deren Kosten (zumindest nach deren Art, beispielsweise Überziehungszinsen, Courtagen, Emissionskosten, Rechtsberatungskosten) in der oben genannten Risikomanagementleitlinie zu ermitteln, gilt ausnahmslos.

66 Bei der Ermittlung alternativer Finanzierungsinstrumente ist das Verbot der Fremdmittelaufnahme zu beachten. Das bisher in § 7 Absatz 2 VAG geregelte Verbot der Fremdmittelaufnahme wurde wortgleich in das neue VAG übernommen (vgl. § 15 Absatz 1 VAG (neu)).

67 Sofern Liquiditätsüberschüsse zwischen gruppenangehörigen Unternehmen – gegenwärtig oder in Stresssituationen – sowohl horizontal als auch vertikal übertragen werden sollen, haben Versicherungsgruppen im Rahmen ihrer Liquiditätsanalyse im Vorfeld diesbezügliche rechtliche oder wirtschaftliche Beschränkungen zu ermitteln und zu berücksichtigen.

XIII. Risikomanagement auf Gruppenebene – Vorbereitungsleitlinien 49 bis 52

68 Die Anforderungen an das Risikomanagementsystem für Unternehmen gelten auf Gruppenebene entsprechend.

69 Innerhalb von Versicherungsgruppen ist das Risikomanagementsystem konsistent einzurichten. Es bezieht auch die Risiken der Gruppe mit ein.

70 Sofern die konsistente Umsetzung des Risikomanagementsystems in einem Spannungsfeld mit den gesellschaftsrechtlichen oder kapitalmarktrechtlichen Möglichkeiten steht, erwartet die BaFin, dass die künftig nach den Bestimmungen über die Gruppenaufsicht verpflichteten Unternehmen und die gruppenzugehörigen Versicherungsunternehmen sich dessen bewusst werden und im eigenen Interesse angemessene Maßnahmen ergreifen, um die Erfüllung aufsichtsrechtlicher Anforderungen sicherzustellen. In Betracht kommt beispielsweise der Abschluss von Beherrschungsverträgen.

Anmerkungen

1. Stresstests untersuchen die Auswirkungen eines widrigen Ereignisses.

2. Szenarioanalysen untersuchen die Auswirkungen einer Kombination widriger Ereignisse (vgl. Artikel 1 Nummer 2 der Delegierten Verordnung).

3. Risiko, dass Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen nicht in der Lage sind, Anlagen und andere Vermögenswerte zu realisieren, um ihren finanziellen Verpflichtungen bei Fälligkeit nachzukommen

4. http://www.gesetze-im-internet.de/liqv/index.html

geändert am 26.05.2015

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