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BaFin-Exekutivdirektor Dr. Frank Grund: „Klarheit und verlässliche Rahmenbedingungen schaffen“

Datum: 16.11.2015

Seit Anfang Oktober ist Dr. Frank Grund Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht der BaFin. Er folgte Felix Hufeld, der seit März Präsident der BaFin ist und die Versicherungsaufsicht kommissarisch leitete.

Im Interview mit dem BaFinJournal erläutert Grund, wie er die ersten Wochen im Amt erlebt hat, wo er die größten Herausforderungen der kommenden Monate sieht und inwiefern ihm die Erfahrungen aus der Privatwirtschaft zugutekommen.

Bild von Dr. Frank Grund © Ute Grabowsky / photothek.net / BaFin Dr. Frank Grund

Herr Dr. Grund, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Aufgabe. Wie haben Sie die ersten Wochen erlebt?

Ich bin hier sehr freundlich und offen aufgenommen worden. Das hat mir den Einstieg leicht gemacht, denn es ging für mich vom ersten Tag an auch inhaltlich los. Mit Unterstützung der Kollegen bin ich von Anfang an tief in alle wichtigen Themen eingestiegen, die die Versicherungsaufsicht derzeit beschäftigen – ob in der traditionellen Aufsicht, in Bezug auf das neue europäische Aufsichtsregime Solvency II oder auf andere internationale Themen. Die Mitarbeiter verfügen über eine profunde Sachkenntnis und sind hoch engagiert. Das ist eine gute Basis für die zukünftige Zusammenarbeit in einem Umfeld, das aktuell großen Veränderungen unterworfen ist.

Was reizt Sie an der Tätigkeit als Exekutivdirektor besonders?

Ich glaube, es gibt im Moment im Umfeld der Assekuranz kaum spannendere Aufgaben. Gerade für jemanden, der wie ich aus der Industrie kommt, ist es unglaublich reizvoll, auf diesen Sessel zu wechseln. Themen, mit denen ich mich im operativen Geschäft einzelner Unternehmen beschäftigt habe, lerne ich nun auf breiterer Ebene und aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen. Hinzu kommt die Arbeit in den internationalen Gremien. Deutsche Interessen im Ausland zu vertreten, ist für mich eine ganz neue Herausforderung. Und der dritte Aspekt, der sicherlich ebenfalls seinen Reiz hat, ist die mediale Begleitung meiner Tätigkeit. Ich bin da zwar nicht ganz ohne Erfahrung, aber hier ist es ein permanenter Teil des Jobs.

Was waren denn Ihre ersten Termine?

Zum einen gab es natürlich diverse Termine innerhalb der BaFin: Direktoriumssitzungen, Treffen mit den Abteilungsleitern und – ganz wichtig – eine große Kennenlern-Runde mit den Mitarbeitern der Versicherungsaufsicht. Ich habe aber auch von Anfang an den Kontakt nach draußen gehabt: Bereits in meiner ersten vollen Arbeitswoche tagte der Versicherungsbeirat. Und am 12. Oktober hatte ich den ersten offiziellen Auftritt, gewissermaßen meine Jungfernrede, bei der Tagung des GDV, des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die Vorbereitung dieser Rede war eine ideale Gelegenheit, in verschiedene Themen tiefer einzutauchen. Ich habe sie außerdem genutzt, um die Positionierung der BaFin in Teilaspekten zu erörtern und zu schärfen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen der kommenden Monate?

Die größte Herausforderung ist ganz klar Solvency II. Am 1. Januar 2016 erfolgt die Scharfschaltung, dann gehen wir von der Trockenübung in den Praxisbetrieb über. Trotz aller Vorbereitung – Solvency II bedeutet einen gewaltigen Wandel, für die Unternehmen ebenso wie für uns. Diesen Wandel gilt es, gemeinsam zu gestalten. Mit anderen Worten: Auch wir wissen nicht genau, wie alles wird. Wir haben gewisse Vorstellungen, wir haben uns bestmöglich vorbereitet – aber haben wir auch die richtigen Schwerpunkte gesetzt? Kommen neue Schwerpunkte hinzu? Dies kann und wird sich erst in der Praxis ergeben. Ich sehe es als meine Aufgabe, hier Sicherheit zu schaffen und zu vermitteln – sowohl gegenüber den Kollegen als auch gegenüber der Versicherungswirtschaft.

Inwiefern?

Es geht vor allem darum, bei den vielen Fragen und Themen, die derzeit noch offen und abstrakt sind, konkreter zu werden. Was bedeutet Proportionalität im Einzelnen? Wie gehen wir mit dem Thema Run-off-Plattformen in der Lebensversicherung um, die immer mehr diskutiert werden? Wie wird sich die Zinszusatzreserve weiter entwickeln? Das sind nur wenige Beispiele, bei denen wir Klarheit schaffen müssen. Denn wenn eines im Verhältnis zwischen BaFin und Unternehmen besonders wichtig ist, dann das. Man muss wissen, woran man ist. Das herauszufinden, braucht manchmal etwas Zeit. Aber ich habe es mir zum Ziel gesetzt: Verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, soweit es eben geht.

Denn als Exekutivdirektor trägt man auch Verantwortung für die Branche. Versicherungen haben eine besondere Bedeutung für die gesamte Volkswirtschaft: Sie ziehen sich durch jeden Lebensbereich, ob im Privaten oder in der Großindustrie. Diese generelle Bedeutung werde ich als oberster Versicherungsaufseher stets mit berücksichtigen, gerade vor dem Hintergrund, dass sich die Branche derzeit in schwerem Fahrwasser befindet, unter anderem wegen der anhaltend niedrigen Zinsen.

Das ist ein Thema, das die Lebensversicherer in besonderem Maße betrifft.

Das stimmt. Wie Sie wissen, hat der Gesetzgeber darum unter anderem die Zinszusatzreserve eingeführt. Seit 2011 müssen die Lebensversicherer Geld zurücklegen, um das Absinken ihrer Kapitalerträge in Zeiten niedriger Zinsen kompensieren zu können.

Im Moment sind die Zinsen ja sehr niedrig. Können die Lebensversicherer die Belastung unter diesem Druck stemmen?

Der Aufbau der Zinszusatzreserve ist natürlich – gelinde gesagt – ein Kraftakt. Allein 2014 mussten die Lebensversicherer dafür rund 8,5 Milliarden Euro aufwenden, dieses Jahr wird es wohl noch mehr sein. Aber wir brauchen die Zinszusatzreserve, um die Versicherer für Zeiten anhaltend niedriger Zinsen zu rüsten und langfristig sicherzustellen, dass sie ihre Garantieversprechen an die Versicherten erfüllen können.

Unser Aufsichtsinstrumentarium ermöglicht es uns gut, die Entwicklung der nächsten Jahre einzuschätzen und im Einzelfall – falls erforderlich – einzugreifen. Die Unternehmen können im Übrigen ein wenig gegensteuern, indem sie die engen Ermessensspielräume nutzen, die die Vorschriften zur Zinszusatzreserve lassen. Hier kommt primär die angemessene Berücksichtigung von Storno- und Kapitalabfindungswahrscheinlichkeiten in Betracht. Das gilt bereits für das Geschäftsjahr 2015. Die Versicherer müssen aber selbst prüfen, ob das für sie eine sinnvolle Option ist.

Ein weiteres Thema, das viele Versicherer aktuell beschäftigt, sind die Eigenmittelanforderungen, die unter Solvency II für Anlagen in Infrastrukturprojekte gelten sollen. Die EU-Kommission will sie senken. Ist das aus Ihrer Sicht richtig?

Ich denke, dass hier vor allem politische Faktoren eine Rolle spielen – man will solche Anlagen fördern. Zudem hat die Industrie wiederholt erklärt, dass Kapitalanlagen in Infrastruktur überdurchschnittlich sicher seien, also geringeren Marktwertschwankungen unterlägen. Die aktuelle Datenlage ist jedoch zu dünn, um das wirklich beurteilen zu können.

Für uns als Aufseher ist das natürlich eine Herausforderung. Eigenmittelanforderungen müssen dem Risiko angemessen sein, sonst verfehlen sie ihren Zweck. Wir lassen uns darum vom Vorsichtsprinzip leiten. Wenn die quantitativen Vorgaben gelockert werden, liegt es in unserer Verantwortung, solche Investments – unabhängig von der Kapitalunterlegung – genau zu prüfen und zu hinterfragen, ob die Unternehmen die Risiken adäquat einschätzen und beherrschen können.

Ist es aus Ihrer Sicht notwendig, bei Solvency II an bestimmten Stellen nachzujustieren?

Wir haben gut fünfzehn Jahre zäher Verhandlungen hinter uns und als Ergebnis nun ein Regelwerk, mit dem alle halbwegs leben können – jedenfalls ist das mein Eindruck. Jetzt muss man erst einmal loslegen und dem neuen Aufsichtsregime Zeit geben, sich einzuspielen. Ob – und wenn ja, an welchen Ecken – es noch Anpassungsbedarf gibt, wird sich dann schon ergeben. Ziel muss hier dann aber eher die Reduktion von Komplexität sein, als diese noch weiter auszubauen. Eins ist aber sicher: Auch unter Solvency II hat die Aufsicht dafür zu sorgen, dass die Versicherungswirtschaft nachhaltig stabil bleibt im Sinne der Versicherungsnehmer.

Sie waren viele Jahre in leitender Position bei Versicherungsunternehmen tätig. Inwiefern kommen Ihnen diese Erfahrungen als Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht zugute?

Zum einen kommt mir natürlich zugute, dass ich mich mit den wesentlichen Fragestellungen, die derzeit für die Versicherungsaufsicht relevant sind, schon eingehend beschäftigt habe. Daher kann ich mich relativ schnell in diese Themen einbringen. Zum anderen kann ich aufgrund meiner Erfahrungen gut einschätzen, wie die Versicherungsbranche ein Thema aufnimmt, wie sie es angehen wird. Als Aufseher können wir davon profitieren, wenn wir frühzeitig erkennen, welche Themen die Unternehmen am meisten beschäftigen, und uns entsprechend darauf ausrichten. Dennoch muss ich natürlich noch einige Dinge lernen, die in meiner neuen Aufgabe wichtig sind.

Sie treten in die Fußstapfen von BaFin-Präsident Felix Hufeld. Werden Sie ähnliche Akzente setzen?

Herr Hufeld hat den Dialog zwischen BaFin und Versicherungsunternehmen weiterentwickelt und dadurch den Informationsaustausch verbessert. Das gilt es fortzusetzen, denn nur so können wir unsere Aufsichtsfunktion vollständig ausfüllen. Für uns ist es entscheidend, dass wir Tendenzen rechtzeitig feststellen, dass wir von Anfang an mitbekommen, in welche Richtung sich ein Unternehmen entwickelt, dass wir strategische Ausrichtung und gesamtunternehmerische Zusammenhänge erkennen. Um zu verstehen, was in den Unternehmen passiert, sind die regelmäßigen Gespräche mit den Spitzen der großen Versicherer, die Herr Hufeld eingeführt hat, das ideale Mittel. Ich denke, dass es mir hier aufgrund meines Werdegangs nicht allzu schwer fallen wird, einen Zugang zu finden. Außerdem liegt es mir, wie ich schon sagte, am Herzen, für Klarheit, für verlässliche Rahmenbedingungen zu sorgen. Diesen Weg ist auch Herr Hufeld gegangen, aber es bleibt natürlich immer noch einiges zu tun.

Das klingt nach viel Arbeit. Wo finden Sie Ausgleich vom Berufsalltag?

Ich habe eine große Leidenschaft für Pferde, bereits seit Kindertagen, und habe das durch alle Berufsphasen hindurch beibehalten können. Es war für mich immer eine ideale Möglichkeit, die nötige Distanz zum Job zu wahren. Denn das Pferd lehrt einen eine gewisse Demut und bringt einen schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Ihm ist es völlig egal, ob ich einen harten Tag im Büro gehabt habe oder ob ich Exekutivdirektor oder sonst etwas bin. Wenn ich da oben falsche Signale gebe, erhalte ich sofort die Quittung. Das erdet einen ganz schön. Eine Stunde auf dem Pferd macht den Kopf frei, und fit bleibt man auch.

Zur Person: Dr. Frank Grund

Dr. Frank Grund ist seit dem 1. Oktober Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht bei der BaFin. Zuvor war er viele Jahre in leitenden Positionen bei Versicherungsunternehmen beschäftigt, seit 2013 aber nicht mehr im operativen Geschäft tätig. Er war zuletzt unter anderem Mitglied verschiedener Aufsichtsräte in der Versicherungswirtschaft. Mit seinem Einstieg bei der BaFin legte Grund sämtliche Mandate nieder.

Bis 2012 stand Grund insgesamt neun Jahre lang den Basler Versicherungen Deutschland vor. Von 2008 bis 2012 war er zudem Vorstandsvorsitzender der Deutschen Ring Sach und der Deutschen Ring Leben. Grund startete seine Karriere 1986 bei der früheren Gerling-Versicherungsgruppe, der er bis 2003 angehörte und wo er nach mehreren Geschäftsleiterposten in verschiedenen Geschäftszweigen zum Vorstandsmitglied ernannt wurde.

Der 57-jährige Jurist hat in Rechts- und Staatswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn promoviert. Seine Juristischen Staatsexamen legte er in Bonn beziehungsweise Düsseldorf ab.