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Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht


Jahrespressekonferenz der BaFin 2008

Rede von Jochen Sanio, Präsident der BaFin, auf der Jahrespressekonferenz am 15. Mai 2008 in Bonn

Datum: 
15. Mai 2008
Ort:
Bonn
Redner:
Jochen Sanio

- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine Damen und Herren,

meine seit mehr als dreißig Jahren ausgeübte Berufstätigkeit hat mich in ungewöhnlich enge Berührung mit den merkwürdigsten Ereignissen und Entwicklungen gebracht. Das Auf und Ab der Märkte ist mir vertraut, und ich weiß, dass es dort ein ums andere Mal zu krisenhaften Zuspitzungen kommt. Und ich weiß auch, dass dabei hin und wieder das Systemrisiko um die Ecke lugt und gebannt werden muss. Doch was in den vergangenen Monaten passiert ist, war in seiner plötzlichen Urgewalt so einmalig, dass es auch die besonders hart gesottenen unter uns Aufsehern erschüttert hat. Manchmal beschlich mich das Gefühl, in ein Märchen der Brüder Grimm geraten zu sein: „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“. Anders als der Protagonist dieser Geschichte habe ich allerdings schnell erfahren, was Gruseln ist. Und ich nehme an, dass es einigen meiner Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland ähnlich ergangen ist.

Doch auch die schlimmsten Schreckensbilder lösen sich auf, wenn man ihnen die Stirn bietet. Und genau das haben die staatlichen Institutionen getan, die für die Stabilität des internationalen Finanzsystems die Hauptverantwortung tragen. Sie haben in schwierigen Situationen große Entscheidungsstärke bewiesen – allen voran die amerikanische Notenbank bei der Rettung der Investmentbank Bear Stearns. Wäre Bear Stearns in die Insolvenz geschlittert, hätte wegen des exorbitanten Kreditderivate-Geschäfts des Instituts niemand die Folgen für das internationale Finanzsystem einschätzen können. Mit Sicherheit aber wären unheilvolle Kettenreaktionen abgelaufen, und die galt es um jeden Preis zu verhindern. Der Fall Bear Stearns hat eine neue Doktrin ins Leben gerufen: „too connected to fail“ – zu stark vernetzt, als dass man das Institut untergehen lassen könnte. Die dadurch geweckte Erwartung, dass Schlüsselspieler im internationalen Finanzgeschehen aufgefangen werden, hat beruhigend gewirkt. Die Marktteilnehmer zweifeln nun nicht mehr daran, dass kurzfristig auch Rettungsaktionen der allergrößten Dimension ökonomisch machbar sind. Auf das von Zynikern geprägte Motto „too big to be saved“ können wir auch gut verzichten.

Mit der Feststellung, dass Banken einer bestimmten Größenordnung und Marktstellung offenbar gerettet werden müssen, kann es natürlich nicht sein Bewenden haben. Damit einher geht nämlich ein Moral-Hazard-Problem, das alles in den Schatten stellt, was wir bisher an gefährlicher Fehlsteuerung menschlichen Verhaltens gekannt haben. Banker, die meinen, sie genössen im Falle eines Falles unbegrenzten Versicherungsschutz, sind permanent der Versuchung ausgesetzt, übersteigerte Risiken einzugehen. Dagegen müssen wir konsequent angehen, was allerdings am Rande des Abgrunds nur schwer möglich ist. Dort ist – wenn Sie mir diesen Kalauer erlauben – heilen eindeutig besser als vorbeugen.

Doch jetzt ist es höchste Zeit, von Notfallmedizin auf Prävention umzuschalten. Wir müssen schleunigst die aufsichtlichen Lehren aus den Erfahrungen der Subprime-Krise ziehen und die Schwachstellen beseitigen, die die Stabilität des internationalen Finanzsystems gefährdet haben. Angesichts des Ausmaßes der Krise ist nur zu verständlich, dass die G 7-Finanzminister dazu von den internationalen Aufsehergremien grundlegende Analysen und weitreichende Vorschläge fordern.

Mittlerweile gibt es eine umfassende Blaupause: den etwa 70-seitigen Report des Financial Stability Forums über Maßnahmen zur Stärkung der Stabilität der Märkte und Finanzinstitutionen („Report of the Financial Stability Forum on Enhancing Market and Institutional Resilience”). Am 7. April haben wir den Report veröffentlicht, doch in der Presse, so will mir scheinen, hat er noch nicht die Beachtung gefunden, die er verdient. Das Papier wird in den nächsten Monaten die Entscheidungen über die Strukturen des internationalen Finanzsystems maßgeblich mitbestimmen.

Wenn jemand prädestiniert ist, den Weg zu weisen, dann das Financial Stability Forum (FSF). Das Gremium besteht aus hochrangigen Vertretern von Zentralbanken, Aufsichtsbehörden, Finanzministerien sowie internationalen Institutionen und Gremien. Seit fast zehn Jahren arbeitet das FSF daran, die Stabilität des internationalen Finanzsystems zu sichern. Der jetzige Bericht entstand – der Bedeutung des Themas entsprechend – unter der Leitung des FSF-Chairman Mario Draghi (im Hauptberuf Präsident der italienischen Notenbank). Der Report gibt Antworten auf die großen Fragen, die sich angesichts der Subprime-Krise stellen: Wie konnte es zu diesem verhängnisvollen Blitz aus heiterem Himmel kommen? Und was müssen wir Aufseher tun, damit die internationalen Finanzmärkte in Zukunft von solch zerstörerischen Schlägen verschont bleiben – wenn das überhaupt möglich ist?

Wer den Antwortkatalog des FSF für eine Art Waschzettel hält, eine Liste von Themen, über die man vielleicht einmal nachdenken sollte, der irrt gewaltig. Das Financial Stability Forum hat zwar in seinem Bericht 67 Empfehlungen ausgesprochen. Doch von diesem Begriff sollte man sich nicht täuschen lassen. Es handelt es sich dabei nämlich um klar formulierte Handlungsanweisungen, die umzusetzen sind. Die G7 Finanzminister und Notenbank-Gouverneure haben sich nicht nur zu den einzelnen Empfehlungen bekannt, sie erwarten eine Vollzugsmeldung – und zwar sehr schnell. Ihre Vorgaben lauten: Besonders wichtige Empfehlungen müssen bereits innerhalb von 100 Tagen nach Veröffentlichung des Berichts umgesetzt werden – also bis Juli 2008. Deshalb haben wir in der Draghi-Arbeitsgruppe, die weiterhin tätig ist, Anfang Mai auch schon mit der Implementierungskontrolle begonnen. Einen Eilauftrag hat zum Beispiel der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht erhalten. Er soll bis Juli einen neuen internationalen Liquiditätsstandard veröffentlichen. Bislang hatten wir keinen. Wie gravierend dieser Mangel ist, hat die Subprime-Krise allen Beteiligten schmerzlich bewusst gemacht.

In der ersten seiner 67 FSF-Empfehlungen weist das FSF darauf hin, dass der Eigenkapitalstandard Basel II, der in Deutschland seit Anfang dieses Jahres für die Banken verbindlich ist, in allen Ländern fristgerecht umgesetzt werden müsse. Diese Äußerung ist nur scheinbar banal, denn damit erklärt das FSF dem neuen Regelwerk sein Vertrauen. Das war auch notwendig, nachdem in letzter Zeit immer häufiger zu hören war, Basel II sei ein Irrweg, den man schleunigst wieder verlassen müsse. Manche selbst ernannten Experten geben Basel II gar die Mitschuld an der Subprime-Krise, was angesichts des Zeitpunktes seines Inkrafttretens grotesk ist. Es war Basel I, der bis Ende vergangenen Jahres geltende Eigenkapitalstandard für Banken, der verhängnisvolle Lücken aufwies. Es war Basel I, das den Banken ermöglichte, eine Regulierungsarbitrage von bislang nicht gekanntem Ausmaß zu veranstalten und sich ungehindert mit Risiken vollzupumpen. Unter dem alten Regelwerk bestand nämlich für bestimmte Risikokonstellationen keine Pflicht zur Eigenkapitalunterlegung. So waren hochgefährliche unwiderrufliche Kreditzusagen eigenkapitalfrei, wenn ihre Laufzeit ein Jahr nicht überschritt – was den Aufbau riesiger Conduits möglich machte. Und Schwächen bei den Konsolidierungsregeln erlaubten es den Banken, Structured Investment Vehicles (SIVs) zu erschaffen, deren Risiken ihnen im Rahmen der Aufsichtsregeln nicht zugerechnet wurden. In der Subprime-Krise bewahrheitete sich dann eine alte Erkenntnis: In der Realität war die Wirklichkeit ganz anders. Die Risiken landeten schließlich doch in den Büchern der beteiligten Banken – mit verheerenden Folgen.

Basel II hat diese Lücken weitgehend geschlossen. Doch trotz aller Verbesserungen muss das Regelwerk noch einmal auf den Prüfstand. Basel II muss an den Erfahrungen der Subprime-Krise gemessen werden. Daraus werden sich wichtige Änderungen ergeben. Vor allem die Eigenkapitalunterlegung für ABS-Transaktionen muss entscheidend verschärft werden. Für Banken, die stark in diesem Geschäftsbereich engagiert sind, sollten dann unterm Strich höhere Eigenkapitalanforderungen herauskommen. Dabei muss allerdings sehr genau nach dem Grad der Risiken differenziert werden. Der Zeitgeist ruft jedoch nach einfachen Regeln: „zurück zu Basel I“ ist zu hören. Manch einer fordert gar einen noch grobschlächtigeren Neandertal-Ansatz. Nur zu! „Simplify your life“. Für all die schwierigen Fragen des komplizierten internationalen Finanzsystems gibt es sicher jede Menge Lösungen, die wunderbar einfach sind, äußerst elegant – und leider falsch. Wir sollten uns hüten, sie zu wählen. Die moderne Finanzwelt ist hoch komplex, es führt kein Weg zurück in die Idylle der Vergangenheit. Damit müssen wir uns abfinden.

Die wirkliche Grundsatzfrage lautet ganz anders: Kann das originate-to-distribute-Modell zur Weitergabe von Risiken, das seit Jahren das Geschehen an den internationalen Finanzmärkten bestimmt, auf Dauer in der jetzigen Form bestehen bleiben? Oder ist es derart anfällig für Krisen, dass es besser nicht fortgeführt werden sollte? Der brutale Charakter der Subprime-Krise fordert solch radikale Fragen heraus.

Das Hauptproblem der originate-to-distribute-Verbriefungskette sind die verqueren Anreizstrukturen: Beim Durchhandeln der Risiken vom Begründer, also der Kredit gewährenden Bank, zum Endabnehmer besteht die große Gefahr, dass der Grundsatz der Risikobegrenzung laufend außer Acht gerät: Diejenigen, die zur Risikobegrenzung in der Lage sind – vor allem die „originators“ und die Arrangeure der Forderungsverbriefungen – haben tendenziell kein besonders ausgeprägtes Interesse daran, durch verantwortungsvolles Handeln die Ausfallrisiken im Rahmen der Kreditgewährung zu minimieren. Denn dies würde die Zahl der in Frage kommenden Kreditnehmer und damit die Geschäftsmöglichkeiten beschränken. Den Endabnehmern wiederum fehlt es an den Informationen, die erforderlich sind, um sich selbst ein zuverlässiges Bild zu machen von den Risiken, die sie in Form der Kreditverbriefungen übernehmen.

Die Subprime-Krise hat dieses Problem offen gelegt: Die US-Hypothekenfinanzierer haben in den vergangenen Jahren alle soliden Kreditvergabe-Standards über Bord geworfen und in großem Umfang auch Darlehen an kreditunwürdige Personen vergeben. Solange sich auch diese Kreditforderungen rasch verkaufen ließen, gab es für die Hypothekenfinanzierer so gut wie keinen Anreiz, eine verantwortungsbewusste Kreditpolitik zu betreiben. Angesichts dieser Fehlsteuerung ist die Forderung, der verkaufenden Bank müsse vorgeschrieben werden, einen Teil der verkauften Kredite in den eigenen Büchern zu halten, sicher sehr diskussionswürdig.

Verantwortung trifft aber auch die Käufer der verbrieften Kredite. Sie haben offenbar in großem Umfang solche Papiere erworben, ohne die geringste Ahnung von den Risiken zu haben, die sie sich da an Land zogen – was auch an der enormen Komplexität mancher Verbriefungskonstruktionen gelegen haben mag. Viele Käufer haben blind den guten Ratings der Ratingagenturen vertraut. Diese, so nahm man an, seien schließlich auch für die neue Art von Wertpapieren vertrauenswürdige Experten. Etliche Investoren zahlten horrendes Lehrgeld für diese Fehleinschätzung. In Zukunft werden sie hoffentlich die Finger von Dingen lassen, die sie nicht einmal ansatzweise verstehen. Wer weiter sein Geld in komplexen Risikogeschäften arbeiten lassen will, sollte zunächst einmal in eigene Analysekapazitäten investieren. Das allerdings ist kostspielig. Und erfolgreich kann diese Strategie auch nur sein, wenn die Risiken in all ihren Komponenten und Faktoren so transparent gemacht werden, dass auch unbeteiligte Dritte sie beurteilen können.

Eine Schlüsselstellung kommt dabei den Ratingagenturen zu. Über Jahre haben sie sich an den Ratings für Subprime-Verbriefungen eine goldene Nase verdient. Den Verfall der Kreditvergabe-Standards, der sich vor ihren Augen abspielte, haben sie wohl nicht bemerkt, sonst hätten sie die Triple-A-Ratings für die besten Tranchen der Subprime-Verbriefungen nicht mit der Gießkanne verteilt. Viele der deutschen Banken, die strukturierte Produkte gekauft haben, verhielten sich – zumindest nach ihrem eigenen Empfinden – durchaus risikobewusst, denn sie haben nur hoch geratete Tranchen gekauft. Dann mussten sie fassungslos mit ansehen, wie aus Triple-A binnen weniger Tage „Schrott“ wurde, als nämlich die Ratingagenturen unter dem Druck der Krise ihre Fehler korrigierten.

Der Wert einer hohen Rating-Note liegt für den Investor darin, dass er das Produkt praktisch für risikolos halten und darauf vertrauen darf, dass die Zahlungsströme, die in dem Papier versprochen sind, innerhalb eines überschaubaren Zeitraums gesichert sind. Auch wir Aufseher müssen uns bei der Analyse der Risikosituation einer Bank auf Ratings verlassen können; dies umso mehr, als die Banken immer mehr Risiken aus Verbriefungstransaktionen auf ihre Bücher nehmen. Der Gedanke, wir sollten uns in Konkurrenz zu den Ratingagenturen ein eigenes Urteil über diese Risiken bilden, ist absurd. Wir hätten keine Chance, die Ratings der Agenturen kritisch zu hinterfragen oder gar zu widerlegen – jedenfalls nicht bei ausländischen Sachverhalten, um die es bei Verbriefungen meistens geht. Die Ratingagenturen verfügen – auch im Vergleich zu hoch gerüsteten Investoren – über ein überlegenes Wissen, was zu einem guten Teil auf den Informationsprivilegien beruht, die ihnen die Emittenten der Papiere einräumen. Ratings, die sich im Nachhinein als Phantasieprodukte erweisen, sind deshalb auch für uns Aufseher ein Desaster.

Durch das Subprime-Desaster haben die Ratingagenturen ihr kostbarstes Gut verloren: ihre Glaubwürdigkeit. Das ist fatal angesichts der wichtigen Rolle, die sie weiterhin auf den Finanzmärkten spielen. Der Draghi-Report fordert daher, schnellstmöglich dafür zu sorgen, dass alle Marktteilnehmer der Qualität, Beständigkeit und Integrität der Ratings wieder vertrauen können. Die IOSCO, die Internationale Organisation der Wertpapieraufseher, hat inzwischen ihren Verhaltenskodex für Ratingagenturen überarbeitet und wird ihn Ende Mai veröffentlichen. Damit wäre die IOSCO einen Monat schneller, als es die Finanzminister und Notenbankgouverneure der G7-Staaten gefordert haben.

Die Ratingagenturen müssten die neuen IOSCO-Regeln noch in diesem Jahr übernehmen und sich dann auch entsprechend verhalten. Sollte sich eine Ratingagentur dem neuen Kodex verweigern, müsste sie in aller Öffentlichkeit gebrandmarkt werden. „Name and shame“ heißt diese Strategie im Aufsichtsjargon. Da Finanzunternehmen – und besonders Ratingagenturen – von ihrer Reputation leben, ist sie eine wichtige Waffe im Kampf gegen unsolides Geschäftsgebaren. Ihr Einsatz setzt allerdings voraus, dass eine unabhängige Instanz überwacht, ob die Ratingagenturen die an sie gerichteten verschärften Anforderungen umsetzen und einhalten. Diese Aufgabe kann nur ein internationales Gremium übernehmen, denn die führenden Ratingagenturen sind Paradebeispiele für „global player“. Sie sind weltweit tätig, und es gibt kein Land, in dem ihr Tun nicht große Wirkungen erzeugte.

Die IOSCO hat sich bei ihrem alten Verhaltenskodex für Ratingagenturen auf den guten Willen der Beteiligten verlassen – das Ergebnis war enttäuschend. Jetzt muss Tacheles geredet werden. Wenn die IOSCO nicht bereit ist, unter ihren Fittichen eine starke Kontrollinstanz aufzubauen, dann muss die EU tätig werden. Auch CESR, das Committee of European Securities Regulators, beschäftigt sich seit einiger Zeit intensiv und ziemlich kritisch mit dem Verhalten der Ratingagenturen. Wie auch der Draghi-Report geht CESR in seinen Vorstellungen von Rating-Standards in einigen Punkten noch über das hinaus, was der IOSCO vorschwebt; die BaFin ist daran nicht ganz unschuldig. CESR wäre auch gut geeignet als Andockstation für ein unabhängiges europäisches Gremium zur Überwachung der Ratingagenturen. Auf Seiten der Agenturen selbst besteht – dessen bin ich mir sicher – heute eine große Kooperationsbereitschaft. Ich gehe davon aus, dass sie einer unabhängigen Kontrollinstanz auch freiwillig die notwendigen Prüfungsrechte gewähren würden. Eigentlich bedarf es jetzt nur noch einer Initiative der EU-Kommission, um die Dinge ins Rollen zu bringen. Vielleicht hören wir ja bald etwas von Kommissar McCreevy.

Bei gutem Willen aller Beteiligten ist das Problem der Ratingagenturen relativ schnell in den Griff zu bekommen. Weniger optimistisch bin ich bei einer anderen Frage: der Bewertung der riesigen Volumina an Subprime-Wertpapieren. Wie stellt man den Wert solcher Papiere fest, wenn sie nicht gehandelt werden, weil die entsprechenden Märkte tot sind? „Nicht aktiv“ sagen die Bilanzexperten euphemistisch. Dieses Problem verschärft sich beim „fair value accounting“, weil nach den neu eingeführten internationalen Bilanzierungsregeln die im Handelsbestand befindlichen Papiere mit dem „fairen Wert“ angesetzt werden müssen; das ist in erster Linie der Marktpreis. Die Frage, wie bei illiquiden Märkten mit dem Handelsbestand zu verfahren ist, ist aber auch im alten deutschen Bilanzierungsrecht relevant, soweit dieses auf den jeweiligen „Zeitwert“ abstellt.

Sind die Märkte nicht aktiv, so können die Bilanzierenden die beizulegenden Zeitwerte nur mit Hilfe alternativer Bewertungsmethoden ermitteln. Bei den strukturierten Produkten, die mit den schlechten Risiken des US-amerikanischen Immobilienmarktes ausstaffiert sind, hat es wahrscheinlich schon früher nicht immer liquide Märkte gegeben, die zur korrekten Preisfindung geeignet waren. Was offenbar in der Vergangenheit niemanden besonders gekümmert hat; man verließ sich auf Bewertungsmodelle, deren Zuverlässigkeit nicht über jeden Zweifel erhaben sein dürfte. Doch jetzt ist das Thema siedend heiß, denn die angewandte Ersatz-Bewertungsmethode entscheidet über die Höhe des Abschreibungs- bzw. Korrekturbedarfs.

Es kann nicht sein, dass die Wahl der Bewertungsmethode allein den Banken überlassen bleibt oder im Wesentlichen von der Großzügigkeit des Abschlussprüfers abhängt. Es geht schließlich um die grundlegende Frage, mit welcher Ersatz-Methode sich unter den heutigen Verhältnissen eine zuverlässige, konsistente und substanzielle Aussage über den Wert eines Papiers treffen lässt. In diesem Punkt sollte weltweit grundsätzlich Einigkeit herrschen. Auf keinen Fall sollte man die Banken darauf verweisen, den Wert aus einzelnen wenigen Preis-Quotes oder allein aus den Indizes abzuleiten.

Im Moment spricht vieles dafür, dass die stark nach unten verlaufenden Kurven der Indizes keinen Bezug mehr zu den wirklichen Verlustrisiken der Subprime-Papiere haben. Der Wertverlust eines in Wertpapieren verbrieften Subprime-Portfolios wird maßgeblich bestimmt durch die Faktoren „Ausfallrate“ („default rate“) und „Verlustrate bei ausgefallenen Krediten“ („loss given default“). Rechnet man die Werte der Indizes in Kombinationen dieser beiden Faktoren um, so kommen dabei unglaubliche Zahlen heraus. Dies spricht dafür, dass die Indizes zurzeit den Wertverlust in den Subprime-Papieren erheblich überzeichnen.

Es gibt andere Methoden, die mir vorzugswürdig erscheinen. Meine Wahl wäre ein Verfahren, das die zukünftigen erwarteten Cash-Flows des Portfolios heranzieht, die abzudiskontieren sind. Die Variablen in diesen Berechnungen eröffnen den Bilanzierenden natürlich auch Ermessensspielräume. Wie sie diese nutzen, würden die Abschlussprüfer, aber auch wir Aufseher natürlich unter die Lupe nehmen. Die Aussicht, dass die ökonomischen Werte der strukturierten Produkte bilanziell angemessen abgebildet werden, würde dadurch erheblich steigen.

In Anbetracht der bestehenden Schwierigkeiten empfiehlt der Bericht des Financial Stability Forums dem International Accounting Standards Board, dem IASB, seine Offenlegungsvorschriften zu den Bewertungsmaßstäben und den verwendeten Methoden zu überarbeiten und damit die bestehenden Bewertungsunsicherheiten zu beseitigen. Außerdem fordert das Financial Stability Board das IASB auf, konkrete Leitlinien für die Bewertung illiquider Finanzinstrumente zu entwickeln.

Wird das IASB diesen Auftrag mit der gebotenen Schnelligkeit erfüllen? Ich bin eher pessimistisch, denn die Entscheidungsprozesse in diesem Gremium erstrecken sich über lange Zeiträume. Deshalb hat CESR vor kurzem die Entscheidung getroffen, sich ebenfalls mit diesen Fragen zu beschäftigen. Wenn der eigentlich zuständige Standard-Setter nicht tätig wird, müssen eben andere einspringen – was allerdings eine gehörige Portion Mut erfordert.

Erhebliches Gefährdungspotential, das haben die vergangenen Monate gezeigt, geht auch von Monoline-Versicherungsgesellschaften aus, die das Ausfallrisiko von Anleihen und Bonds versichern. Das Geschäftsmodell der „Veredelung“ von Anleihen zum Zwecke eines besseren Ratings, das in den USA entwickelt wurde, ist in Deutschland und in Europa kaum bekannt. Die größten „Monoliner“ haben ihren Sitz daher auch in den USA, vornehmlich im Bundesstaat New York.

Völlig zu Recht fordert der Draghi-Report, die aufsichtlichen Kapitalanforderungen für Monoliner zu verschärfen. Das Eigenkapital dieser Gesellschaften muss in einer vernünftigen Relation zu den Risiken stehen, die sie eingehen – und die sind in den vergangenen Jahren immens gestiegen. Die Relation von versicherten Anleihen zum vorhandenen Eigenkapital lag teilweise bei über 150:1! Das mag gut gehen, solange risikoarme Staats- und Kommunalanleihen versichert werden. Doch wie sieht es mit versicherten strukturierten Kreditprodukten aus, die Ende 2006 einen Gesamtbetrag von 824 Milliarden US-Dollar erreicht hatten?

Die Solvenz der Monoliner ist heute für die Stabilität der Finanzmärkte von elementarer Bedeutung. Fiele einer der großen Monoliner aus, würde das großes Unheil anrichten. Positionen, die Marktteilnehmer im Versicherungswege gehedgt haben, wären auf einmal wieder offen. Es könnten unüberschaubare Kettenreaktionen ausgelöst werden. Deshalb ist es wichtig, dass Monoliner in ausreichendem Maße rekapitalisiert werden, auch wenn dies zurzeit extrem teuer ist. Das Gesamtvolumen der Kapitalzuführungen sollte nicht nur die aufgelaufenen Verluste der Monoliner kompensieren; für eine nachhaltige Stabilisierung der Gesellschaften sollte die Kapitalbasis noch weiter gestärkt werden – und dies dauerhaft.

Meine Damen, meine Herren, warum rede ich seit mehr als einer halben Stunde über den Draghi-Report? Nun, er definiert die Etappen für die kommende regulatorische „tour de force“; diese ist dem enormen Handlungsdruck geschuldet, den die Subprime-Krise ausgelöst hat. Diese Krise hat das Grundvertrauen zerstört, das die Märkte brauchen, um zu funktionieren. Es wiederherzustellen, hat unbedingte Priorität, und dazu bedarf es einer Reihe grundlegender Änderungen. Wer in diesem Zusammenhang das Gespenst einer neuen Überregulierung heraufbeschwört, hat den Ernst der Lage nicht begriffen. Die Subprime-Krise hat die über Jahre betriebene systematische Deregulierung des Finanzsystems als gefährlichen Irrweg entlarvt. Ohne einen vernünftigen Regulierungsrahmen werden es die Märkte auch beim nächsten Mal wieder falsch machen.

Der Draghi-Report wird hoffentlich den entscheidenden Wendepunkt markieren und die große Schar der Apologeten eines weitgehenden „laisser faire“ für einige Zeit auf ihre Plätze verweisen. Doch Wunder sollte niemand erwarten: Das Finanzsystem wird immer starken Schwankungen unterworfen sein, getrieben vom prozyklischen Verhalten der Marktteilnehmer, denn das liegt in der Natur der Menschen. Als Aufseher können wir uns nur das Ziel setzen, die Schwankungen in verkraftbaren Grenzen zu halten. Frei nach der Devise im Pariser Stadtwappen: „Fluctuat nec mergitur“ – das internationale Finanzsystem schwankt, aber es wird nicht untergehen.


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