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Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht


Jahrespressekonferenz der BaFin 2009 (Rede)

Rede von Jochen Sanio, Präsident der BaFin, auf der Jahrespressekonferenz am 19. Mai 2009 in Bonn

Datum: 
19. Mai 2009
Ort:
Bonn
Redner:
Jochen Sanio

- Es gilt das gesprochene Wort -

Wer in unserer Zeit als Finanzaufseher tätig ist, meine Damen und Herren, neigt dazu, sich immer neue Schreckensszenarien auszumalen. Er behält sie besser für sich, sonst ist er schnell als Kassandra vom Dienst verschrien. Der war zwar die übermenschliche Gabe verliehen, Zukünftiges vorauszusehen. Doch zugleich war sie mit einem göttlichen Fluch belegt: Niemand würde ihren unheilvollen Prophezeiungen glauben. So gelang es Kassandra auch nicht, den Untergang Trojas abwenden. Es blieb ihr nur eines: sich als Berufspessimistin beim Publikum unbeliebt zu machen. Ein abschreckendes Beispiel. Ich werde mich deshalb heute einer strikten Selbstzensur unterwerfen und keine Kassandrarufe ausstoßen.

Es passt ja auch viel besser zum Wonnemonat Mai, nach den ersten grünen Trieben der wirtschaftlichen Erholung, den „green shoots of economic recovery“, Ausschau zu halten, die ein bekannter Zeitgenosse schon im März gesehen haben will. Das Grün ist offenbar so zart, dass es nur geübte Augen wahrnehmen. „Ja, wo sprießen sie denn?“, ist man geneigt zu fragen. Handelt es sich etwa nur um das zarte Pflänzchen Hoffnung, dem man mit gutem Zureden zum Wachstum verhelfen will? Das wäre kein leichtes Unterfangen.

Hoffnung müsse man lernen, hat Ernst Bloch behauptet. Wenn wir seiner Anregung folgen, sollten wir uns aber auch auf die Folge-Lektion gefasst machen: die über enttäuschte Hoffnung.

Hoffnung ist zu einem großen Teil Wunschdenken, das keine Wahrscheinlichkeitsrechnungen verträgt – erst recht nicht heute. Die gesamtwirtschaftlichen Daten sind zurzeit so schlecht, dass man besser gar nicht über sie spricht.

Und wenn in diesen Tagen eine Farbe von sich reden macht, dann ist es nicht das hoffnungsvolle Grün von Konjunktursprösslingen, sondern – man glaubt es kaum – das Weiß des Farbpigments Titaniumdioxid. Dessen Preise fallen weiter, weil in den USA weniger weiße Farbe nachgefragt wird, und daraus ziehen Wirtschaftsbeobachter im Handumdrehen negative Schlüsse: weniger Hausbau, weniger Autoproduktion, weniger weiße Ware, also kein Aufschwung.

Auch wenn wir in Deutschland noch nicht mit solch raffinierten Konjunkturindikatoren arbeiten, sind wir uns doch ziemlich sicher, dass unsere Banken in ein paar Monaten die volle Wucht der schärfsten aller bisherigen Rezessionen in ihren Kreditportfolien spüren werden. Die Banken bereiten sich mit eigenen Stresstests auf diese Situation vor, doch es gibt keinerlei Erfahrungswerte, was ein starkes Negativwachstum, wie wir es derzeit erleben, für die Banken bedeuten wird. Niemand weiß, wie diese Rezession ablaufen wir, und wir Aufseher sind weit davon entfernt, den Umfang kommender Kreditausfälle abschätzen zu können.

Der schnelle Wiederaufstieg nach einem kurzen Höllenritt durch das tiefe Tal der Tränen – ein Verlauf, der gemeinhin durch den Buchstaben „V“ charakterisiert wird – ist aus heutiger Sicht mehr als unwahrscheinlich; für diese Prognose braucht man keine seherischen Kräfte. Bei aller Ungewissheit über die Zukunft, aus Sicht der deutschen Bankenaufsicht gibt es ein wichtiges Anliegen: Die deutschen Banken sollten mit der größtmöglichen Eigenkapitalstärke in die kommende schwierige Wirtschaftsphase gehen.

Nur wenn die Banken mit ausreichend Eigenkapital ausgestattet sind, können sie sich ihre Kreditvergabespielräume bewahren – worauf die deutsche Wirtschaft angewiesen ist. Wobei ich sogleich hinzufüge: Wenn die Banken Kreditvergabespielräume haben, entsteht daraus nicht wie selbstverständlich eine moralische Pflicht, Kredite zu vergeben. Voraussetzung dafür, dass eine Bank einen Kredit gewährt oder verlängert, ist die Kreditwürdigkeit des Kunden. Dieser Grundsatz gilt auch – ja, er gilt erst recht – in einer Wirtschaftskrise, in der die Bonität vieler Kreditnehmer sinkt, manchmal leider stärker, als die Betroffenen es wahrhaben wollen.

Von der Erkenntnis, dass eine Volkswirtschaft in der Rezession gut kapitalisierte Banken braucht, führt derzeit ein sehr kurzer Weg zur „bad bank“, zu einem Thema, auf das ich ausführlicher eingehen will, weil es hochaktuell ist und in der jetzigen Situation von allergrößter Bedeutung. Der Begriff „bad bank“ führt in die Irre, da niemand „schlechte Banken“ gründen will, doch ich verwende ihn, weil er in Deutschland zur Kurzformel für eine viel breiter angelegte Diskussion geworden ist.

Die dreht sich um die Frage, ob man die Banken von ihren „toxischen“ Aktiva entlasten soll; dabei handelt es sich zum großen Teil, wie Sie wissen, um strukturierte Finanzpapiere, bei denen immer noch der Typus überwiegt, der durch US-amerikanische Hypotheken besichert sind.

Der Staat kann die Banken auf verschiedene Weise von den strukturierten Papieren entlasten. Allen Möglichkeiten, die in Frage kommen, ist eines gemein: Der Staat bewahrt die betroffenen Banken davor, dass sich ihre Eigenkapitalsituation durch neue negative Entwicklungen bei den strukturierten Papieren verschlechtert. Solche negativen Entwicklungen können jederzeit eintreten, einige Banken haben in den vergangenen Monaten diese schmerzliche Erfahrung erneut machen müssen.

Was ich mit „Negativentwicklungen“ meine? Zweierlei: Zum einen die Bewertung der Papiere in den Büchern der Banken – eine Geschichte ohne absehbares Ende. Ich werde Sie und mich heute nicht mit den Einzelheiten dieses Themas quälen.

Zum jetzigen Zeitpunkt den wahren Wert dieser langlaufenden Papiere zu ermitteln, für die es keinen funktionierenden Markt gibt, halte ich für ein Ding der Unmöglichkeit, was nichts daran ändert, dass für die Bilanzierung ein Wert gefunden werden muss. Die beste Methode, sich dem Zeitwert der Papiere zu nähern, besteht darin, die Gesamtheit aller erwarteten Cash Flows zu bestimmen, die das Papier über seine Laufzeit generieren wird. Die erwarteten Cash Flows sind das Ergebnis einer Modellierung, wobei es sehr schwierig ist, einigermaßen gesicherte Prognosen für die grundlegenden Modell-Parameter abzugeben – das sind vor allem die für die Zukunft zu erwartende Ausfallquote unter den Hypothekenschuldnern und die bei einer Zwangsvollstreckung erzielbaren Verwertungserlöse. Grund hierfür ist, dass man die historischen Daten der vorangegangenen Boomjahre des amerikanischen Grundstücksmarktes nicht als Referenz heranziehen kann.

Die deutschen Banken sollten deshalb, solange sie die toxischen Papiere in ihren Büchern haben, vorsichtige, sprich eher pessimistische Annahmen treffen. Die BaFin wird darauf achten, dass hierbei nicht das Prinzip Hoffnung regiert: Bislang hat sich der US-amerikanische Häusermarkt in Wirklichkeit stets schlimmer entwickelt, als es aus der Hauptströmung aller einschlägigen Marktanalysen abzulesen war. Deshalb gilt bei den Verbriefungen leider seit zwei Jahren der zynische Satz Karl Valentins „Heute ist die gute alte Zeit von morgen.“ Sollte es auf dem amerikanischen Häusermarkt weiter ungebremst bergab gehen, bliebe den Banken nichts anderes übrig, als die erwarteten zukünftigen Cash Flows weiter nach unten zu korrigieren, was automatisch zu weiteren Abschreibungen auf die toxischen Papiere führen würde – es sei denn man lagert sie aus.

Selbst wenn einzelne Banken glaubten, sie hätten bei den Abschreibungen erst einmal genug getan und dürften es bis auf weiteres ruhiger angehen lassen, könnten sie, was ihr Eigenkapital betrifft, trotzdem unvermittelt unter Druck geraten. Und damit bin ich bei der anderen Negativentwicklung. Es besteht die sehr konkrete Gefahr, dass die Rating-Agenturen auch den Verbriefungspapieren, die Noten im A-Bereich aufweisen, plötzlich ein hartes Downgrading verpassen. Die Rating-Agenturen haben längst die Sünden der Vergangenheit hinter sich gelassen: die industrielle Fertigung ungerechtfertigter Triple-A Ratings für strukturierte Hypothekar-Papiere. Sie haben wieder Anschluss an die traurige Realität des amerikanischen Häusermarktes gefunden, denn sie verwenden nun neue, wirklichkeitsnahe Modelle – was dazu führte, dass es flächendeckend brutale Downgradings hagelte: „from triple-A to junk“. Eine neue Runde von Downgradings ist vor einigen Monaten angelaufen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch die letzten Banken erreicht.

Diese Downgradings können zu einem so hohen Eigenkapitalverzehr führen, dass die Kreditvergabemöglichkeiten der betroffenen Banken entscheidend eingeengt werden: Drücken die Downgradings das Rating der Papiere unter die Stufe BB-, hat das eine verheerende, pro-zyklische Wirkung auf die Eigenkapitalanforderungen, denn der heute geltende Eigenkapitalstandard Basel II stellt bei Verbriefungen für die Beurteilung des Verlustrisikos primär auf externe Ratings ab. Deren starke Korrektur nach unten führt, wenn sie sich über mehrere Ratingstufen erstreckt, zu einem bösen Erwachen.

Basel II [Tz. 712(ii)] und in seinem Gefolge die europäische Kapitaladäquanzrichtlinie [Anhang I, Absatz 1, Textziffer 14] sowie zu guter Letzt deren deutsche Umsetzung in der BaFin-Solvabilitätsverordnung [§ 303 Abs. 5] schreiben zwingend vor, dass niedrig geratete Verbriefungspositionen im Handelsbuch der Banken zu 100 Prozent mit Eigenkapital zu unterlegen sind, davon mindestens zur Hälfte mit Kernkapital. Oder anders ausgedrückt: Die Eigenkapitalunterlegung einer solchen Position ist 12,5 mal höher als der Baseler Normalsatz von acht Prozent! Im Ergebnis bedeutet dies, dass bei einem unter BB- gerateten Papier, das aber noch nicht auf dem Niveau von Junk („CCC“) gelandet sein muss, ein Totalausfall mit der Insolvenzquote „Null“ unterstellt wird.

Würden sämtliche in deutschen Bankbilanzen befindliche strukturierten Papiere in schneller Folge über dieses Downgrading-Kliff gestoßen – wofür es keine Anzeichen gibt – so würde dies wahrscheinlich bei einigen deutschen Banken zu ernsthaften Eigenkapitalproblemen führen. Ich erwähne diesen theoretischen Fall nur, um die Bedeutung der Rating-Falle zu unterstreichen, in der Banken nicht nur in Deutschland stecken.

Die Befreiung aus dieser unguten Situation ist für mich der wichtigste Grund, warum die Bilanzen der deutschen Banken schnell um die „toxischen“ Assets bereinigt werden sollten. Man kann das Problem der strukturierten Papiere nicht vernünftig abarbeiten, wenn man Spielball unkalkulierbarer Entscheidungen der Rating-Agenturen ist. Der deutsche Gesetzgeber wird den Banken nun bald die Möglichkeit eröffnen, diese Papiere auszulagern, was einen Befreiungsschlag bedeutet. Die Banken werden danach ihren Giftmüll kontinuierlich in einem geordneten Verfahren entsorgen können.

Diese Operation beruht nicht, wie böse Zungen behaupten, auf einem unseriösen Trick. Dadurch dass der Staat einen Schutzschirm über den toxischen Papieren aufspannt, entzieht er diese der Wirkung bestimmter problematischer Vorschriften. Diese antizipieren mit möglicherweise stark überschießender Tendenz Verluste, die sich erst über mehrere Jahre aufbauen werden – oder auch nicht.

Ich höre schon die Kritiker: Eine groß angelegte Regulierungs- und Bilanzierungsarbitrage – mit freundlicher Unterstützung des Staates. Und wenn schon. Niemand braucht sich dafür zu schämen, handelt es sich doch um ein legitimes Mittel der Schadensbegrenzung. Die betreffenden Papiere landen in einem „Special Purpose Vehicle“, das die jeweilige Bank aufgrund staatlicher Deckungszusagen nicht konsolidieren muss – die Dekonsolidierung ist die entscheidende Arbitragevoraussetzung.

Sind die Papiere erst einmal dort angekommen, dann können uns ihre Ratings und ihre erwarteten Cash Flows egal sein, denn die Verluste sind so zu bewältigen, wie sie tatsächlich im Zeitverlauf anfallen.

Man darf allerdings nicht dem Irrtum erliegen, dass sich die Verluste über die Zeit peu à peu aufbauen. Die in strukturierten Papieren angelegten Mechanismen können, wie die Erfahrung der vergangenen beiden Jahre gezeigt hat, jede Menge böser Überraschungen bergen – vor allem dann, wenn es sich um die hoch gefährlichen Collateralized Debt Obligations (CDO) handelt. Durch relativ kleine Veränderungen bei den eingehenden Cash Flows, d.h. den Zinsen und Tilgungen auf die US-Hypotheken, kann eine früher mit Triple-A geratete Wertpapiertranche schlagartig ausfallen – besonders dann, wenn es in der betreffenden Wertpapierstruktur nicht genügend andere Tranchen zur Absorption der auflaufenden Verluste gibt.

Die öffentliche Diskussion über den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Auslagerung von toxischen Wertpapiere konzentriert sich bisher auf einen Punkt: Mit welcher Quote soll der Steuerzahler am Ende, also nach zwanzig Jahren, wenn zwischen den Banken und dem in Vorlage getretenen Bundeshaushalt abgerechnet wird, an den tatsächlich anfallenden Verlusten beteiligt werden? Die Antwort der Bundesregierung lautet „Null“, und das ist eine parteienübergreifende Entscheidung, die der öffentlichen Meinung in Deutschland entspricht.

Die Null-Lösung wird in Teilen der ausländischen Wirtschaftspresse hart kritisiert. Man behauptet, ohne eine deutliche Verlustbeteiligung des Staates könne man die Banken nicht, wie angestrebt, stärken. Dabei wird völlig übersehen, dass es Ziel der Operation ist, die Banken zu einem für die wirtschaftliche Entwicklung entscheidenden Zeitpunkt – nämlich jetzt – vor der Gefahr eines weiteren erheblichen Kapitalverzehrs zu bewahren. Eine andere Frage ist, ob und in welchem Umfang einzelne Banken darüber hinaus noch zu rekapitalisieren sind.

Natürlich wäre es den meisten Banken lieber, wenn sie ihr Giftmüll-Problem schon heute endgültig mit Hilfe des Steuerzahlers lösen könnten. Wer nimmt nicht gern Geschenke? Ich habe Verständnis dafür, dass die Geschenk-Variante vielen Bürgern dieses Landes gegen den Strich gehen würde.

Der Staat kann nicht aus einem Füllhorn Steuermittel fließen lassen, um das Wohlbefinden der Banken zu steigern. Staatliche Hilfe sollte nur in dem Maße gewährt werden, wie sich eine Bank nicht mehr selbst helfen kann. Im Prinzip spricht nichts dagegen, dass die Banken Vorleistungen, die der Bund bei der Absicherung des Wertes der ausgelagerten toxischen Papiere erbringt, über eine längere Zeit tilgen.

Ich halte es für voreilig anzunehmen, dass eine Bank, die möglicherweise auf Jahre Teile ihres Gewinnes an den Bund abführen muss, durch ein derartiges „Abverdienen“ zu einer Kümmerexistenz verurteilt werde. Niemand kann heute eine belastbare Aussage darüber treffen, welche Erträge eine Bank nach Überwindung der Finanzkrise und der Rezession in Zukunft erwirtschaften wird. Schon gar nicht lässt sich vorhersagen, auf welchen Betrag sich die Verluste einer Bank aus ihren strukturierten Papieren am Ende summieren werden. Eingedenk meiner zu Beginn gemachten Ankündigung werde ich Ihnen nicht verraten, was mir mein Bauchgefühl dazu sagt; das hat mich auch schon oft genug getäuscht.

Die Kritiker, die dem Bund unangebrachte Knauserigkeit vorwerfen, verbinden diesen Vorwurf mit der Vorhersage, die staatlichen Bedingungen seien so unattraktiv, dass keine Bank darauf eingehen werde. Darüber hat sich eine Diskussion entsponnen, ob man Banken mit Giftmüll nicht gesetzlich verpflichten solle, das Entsorgungsprogramm des Bundes zu nutzen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Bank, die ein Problem mit strukturierten Papieren hat, die Chance zu dessen Lösung nicht annimmt, sondern lieber weiter vor sich hinwurstelt und gottergeben abwartet, ob sie von tödlichen Downgradings getroffen wird oder nicht.

An dieser Stelle kommt schließlich auch die BaFin ins Spiel. Die BaFin ist aus gutem Grund nicht mit dem SoFFin zu einem Tandem verbunden worden. Dies hätte zu Interessenkonflikten geführt: Die BaFin ist im jeweiligen Einzelfall nicht an der Konzeption der staatlichen Lösungen beteiligt, sondern sie definiert das Problem – will sagen, sie bestimmt den Zeitpunkt, zu dem eine Bank der Rettung durch die Eigentümer oder in letzter Instanz durch den SoFFin bedarf.

Wenn bei einer Bank dieser Zeitpunkt gekommen ist – meistens weil sie die aufsichtlichen Eigenkapital- oder Liquiditätsanforderungen nicht mehr einhält – dann fordert die BaFin die notwendige Stützung ein. Wird diese verweigert, endet die Bank in einem Moratorium; die BaFin handelt da konsequent und schnell. Ist eine Stützung fest zugesagt, dann haben wir allerdings Verständnis dafür, dass deren Umsetzung oft einige Zeit benötigt. Wir zeigen dann viel Geduld, was in der Öffentlichkeit, die den Gang der Dinge nicht kennt, manchmal leider mit Schwäche verwechselt wird.

Was nun die Situation der Banken anbelangt, die mit größeren Volumina an Giftmüll fertig werden müssen, so überprüfen wir laufend deren Risikotragfähigkeit. Das ist der Kern des „supervisory review process“, den Basel II bekanntlich für alle Banken vorschreibt. Stille Lasten, die entstanden sind, weil die Bank Bilanzierungswahlrechte wahrgenommen hat, ziehen wir in unserer Analyse vom Eigenkapital ab.

Wir können dieses Ergebnis auch in einem formellen Verwaltungsakt festschreiben, indem wir einen entsprechenden Korrekturposten anordnen. Ich denke, die Banken, welche eine starke Subprime-Last drückt, wären unter diesen Umständen schlecht beraten, wenn sie darauf warteten, dass die BaFin sie auf den Weg zur Giftmüll-Abladestation zwingt.

Bleibt eigentlich nur eine Frage: Wird der Markt das deutsche Modell als vertrauensbildende Maßnahme positiv beurteilen? Erwarten Sie bitte von mir keine Antwort. Der Markt ist unberechenbar. Was er heute noch goutiert, akzeptiert er morgen vielleicht schon nicht mehr. Leider gibt es auch keinen Aufklärer, der mir unter dem Titel „Dein Finanzmarkt, das unbekannte Wesen“ das offenbar stark triebgesteuerte Verhalten der Marktteilnehmer erklären könnte, ihre „animal spirits“ – unter denen heute die Angst regiert.

Eines ist allerdings sicher: Da das internationale Bankensystem in einer Solvenzkrise steckt, zählt für die Marktteilnehmer bei den Banken nur eines, und das ist Eigenkapital, und zwar solches der besten Qualität. Der Markt hat die Baseler Eigenkapitalstandards, die Kernnormen der globalen Bankenregulierung, außer Kraft gesetzt. Die Mindesteigenkapitalquoten: zu lax! Die zugelassenen hybriden Kapitalelemente wie etwa Genussscheine: nicht mehr hinnehmbar. Beeindrucken kann man den Markt seit einiger Zeit nur noch mit hartem Kernkapital, also mit Stammkapital und offenen Rücklagen. Die Kernkapitalquote, die der Markt als Eintrittskarte verlangt, ist in etwa doppelt so hoch wie die von Basel geforderte, nämlich sieben bis acht Prozent.

Wer oder was steckt hinter dieser seltsamen, fast schon perversen Entwicklung, hinter dieser nie für möglich gehaltenen Form der Selbstregulierung der Finanzmärkte? Die treibenden Kräfte sind klar identifizierbar: Es sind die Investoren. Sie haben heute das Sagen. Unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das meiner Ansicht nach ein bedenklicher Zustand. Natürlich ist es unabweisbar, dass nach den Risiko-Exzessen der Vergangenheit mehr Vorsicht in die Märkte einzieht, und dies dauerhaft. Heute aber sehen wir, dass eine ins Extrem übersteigerte Vorsicht großen Schaden anrichten kann.

Das als Aufseher zu sagen, fällt mir wahrlich schwer. Doch wenn die Banken unter dem Diktat der Investoren gezwungen sind, ihre Kernkapitalquote stark anzuheben und auf einem übertrieben hohen Niveau zu halten, dann muss das negative Auswirkungen auf ihre Kreditpolitik haben. Banken, die unter großem Kapitaldruck stehen und keine Kapitalerhöhung vornehmen können, werden tendenziell das Volumen ihrer Risikoaktiva, vor allem das Kreditvolumen, abbauen oder zumindest darauf verzichten, es auszubauen. Ein besseres Rezept zur Verstärkung der Rezession kenne ich nicht.

Für mich steht fest: Auf Finanzmärkten herrscht heute keine ausgewogene Balance der Interessen von Banken und Investoren. Und wichtiger noch: Die Interessen der Investoren sind nicht mit denjenigen des Gemeinwohls identisch. Wie lässt sich diese ungute Situation beenden? Die Antwort ist denkbar einfach: Die Regulatoren in ihrer Rolle als Standard-Setzer müssen alles daran setzen, die Autorität, die ihnen durch die Krise abhanden gekommen ist, zurückzugewinnen.

Ich sage das nicht nur aus eigennützigen Motiven, sondern mehr noch im Interesse der Banken. Re-Regulierung zur Beendigung einer völlig überzogenen, einseitigen Selbstregulierung – während meiner gesamten Laufbahn als Aufseher habe ich keine schönere ironische Wendung erlebt! Und doch hätte ich gerne darauf verzichtet.

Natürlich hat die internationale Aufseher-Gemeinschaft sich schon vor längerem an die Arbeit gemacht, das von ihr errichtete Gebäude hart auf Statikfehler zu überprüfen und die eingestürzten Teile auf soliderem Fundament neu zu errichten. Dahinter steht der feste Wille, am Prinzip global harmonisierter Aufsichtsregeln festzuhalten. Dieser Wille ist gepaart mit der Einsicht, dass eine tragfähige, effektive internationale Regulierung nur im Zusammenwirken aller Kräfte entstehen kann.

Mit verbesserten Aufsichtsstandards sollte es uns gelingen, die Märkte endgültig von ihren kollektiven Lähmungserscheinungen zu befreien. Angst ist die Abwesenheit von Vertrauen, und uns als Finanzaufsehern fällt die Aufgabe zu, den Märkten eine neue Vertrauensbasis zu geben. An diesem vorrangigen Ziel wird in vielfältiger Weise gearbeitet. Denken Sie nur an den Stresstest, den die US-amerikanische Regierung für 19 Banken angeordnet hat. Die am Ende doch überwiegend positive Resonanz, die dieses Vorhaben trotz einiger merkwürdiger Begleiterscheinungen gefunden hat, zeigt mit aller Deutlichkeit, wie sehr die meisten Marktteilnehmer das Ende der globalen Vertrauenskrise herbeisehnen.

Auf Finanzmärkten ist Vertrauen ein besonders zartes Gewächs, das schnell auf der Liste der gefährdeten Arten landen kann, wenn man es nicht sorgsam pflegt. Dieses Pflänzchen ist in der jüngeren Vergangenheit durch einige schlimme Marktereignisse ziemlich malträtiert worden, doch es lebt noch und scheint sich jetzt langsam zu erholen. In seine Widerstandskraft setze ich meine ganz persönliche Hoffnung, und an ihr werde ich bis zum Beweis des Gegenteils heroisch festhalten.


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