BaFin

Thema Fintech Insurtechs: Innovative Unternehmen mischen Versicherungswirtschaft auf

Datum: 15.12.2016

Bereits seit Jahrzehnten vollzieht sich ein stetiger Wandel in den Kernprozessen der Versicherungswirtschaft. Ob Beratung, Vertrieb, Vertragsabschluss, Bestandsverwaltung oder Schadenabwicklung: Die Digitalisierung hat nach und nach alle wichtigen Bereiche erfasst. Eine intensivierte Datenauswertung erlaubt zudem heutzutage eine risikogerechtere Tarifierung und passgenauere Zielgruppenansprache als noch vor einigen Jahren; Online-Tools und Software-Anwendungen haben Einzug in die Servicestrategie gehalten.

Auf dieser Seite:

Obwohl die Digitalisierung der Versicherungswirtschaft also stetig vorangeschritten ist, machen seit einiger Zeit innovative Start-up-Unternehmen von sich reden, die teilweise die Befürchtung einer disruptiven Veränderung der Branche schüren und auf großes mediales Interesse stoßen: die „Insurtechs“, eine Spezialform der sogenannten Fintechs (siehe unter anderem Artikel von Januar 2016 und Artikel von September 2016) der Versicherungsbranche. Sie versuchen sich mit Hilfe digitalisierter Prozesse und dem damit einhergehenden Wettbewerbsvorteil auf verschiedenen Wertschöpfungsstufen im Markt zu etablieren und erhöhen dadurch auch die Dynamik, mit der die Digitalisierung voranschreitet. Da sie dies losgelöst von bestehenden Produkten, Systemen, Strukturen und Personal tun können, versprechen sie effizienter zu sein als die etablierten Anbieter.

Wagniskultur versus langfristige Ansprüche

Start-ups sind im Allgemeinen gekennzeichnet durch hohes unternehmerisches Risiko, Innovation und Schnelligkeit. Ein Teil dieser Unternehmen schafft es, sich am Markt zu behaupten, ein Teil aber scheitert und versucht es nach einer entsprechenden Lernkurve gegebenenfalls erneut. Diese Kultur des Wagnisses, des Ausprobierens, des Scheiterns und des Neuanfangs ist mit dem Betrieb des Versicherungsgeschäfts schwer zu vereinbaren. Denn im Fokus stehen hier der Versicherungsnehmer und dessen versicherungsvertragliche Ansprüche, die mitunter auf einen sehr langen Zeitraum ausgelegt sind. Diese Ansprüche sind zu erfüllen – und zwar immer.

Aus diesem Grund hat der Gesetzgeber hohe Anforderungen an die Zulassung von Versicherungsunternehmen geknüpft. Insurtechs gründen sich daher vor allem entlang der Wertschöpfungskette, wo sie nicht unter Aufsicht der BaFin stehen. So müssen sich beispielsweise Versicherungsvermittler in einem Register der Industrie- und Handelskammern (IHKs) verzeichnen lassen. Insurtechs können in Kooperation mit etablierten Versicherungsunternehmen als Vergleichsportale, digitale Vermittler und Vertragsverwalter auftreten. Die Einstiegshemmnisse sind somit geringer – aber auch der Grad an Innovation.

Insurtechs und Aufsicht

Analog zu „Fintech“ existiert auch keine Legaldefinition des Begriffs „Insurtech“, so dass dieser unterschiedlich interpretiert wird und es keine einheitliche Angabe zur Zahl dieser Unternehmen gibt. Unter die Versicherungsaufsicht fallen Insurtechs, wenn sie als Risikoträger fungieren und damit einer Erlaubnis bedürfen. Bisher hat erst ein Insurtech einen entsprechenden Antrag bei der BaFin gestellt.

Die BaFin unterscheidet in der laufenden Aufsicht nicht zwischen alteingesessenen Versicherungsunternehmen und Insurtechs. Für beide gilt der Grundsatz der Proportionalität.

DefinitionGrundsatz der Proportionalität

Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Er soll sicherstellen, dass Versicherungsunternehmen von aufsichtlichen Anforderungen und in der laufenden Aufsicht nur so stark belastet werden, wie es aufgrund ihrer individuellen Risiken notwendig ist.

Die Reaktion auf die neuen Marktteilnehmer verlangt auf Seiten der etablierten Versicherer schnellere unternehmerische Entscheidungen. So können etwa Investitionen in Systeminfrastrukturen notwendig sein. Dabei müssen sie jedoch sicherstellen, dass sie die Risiken jeder einzelnen Entscheidung im Vorfeld hinreichend analysieren und mit Blick auf die Risikotragfähigkeit steuern.

Positiv für Markt und Verbraucher

Insurtechs können grundsätzlich dazu beitragen, Transparenz und Wettbewerb im Sinne der Verbraucher zu fördern. Denn die neuen Marktteilnehmer verstärken den Druck auf die Branche, Prozesse, Systeme und Produkte zu optimieren. Die BaFin begrüßt diese Entwicklung, die nicht nur dem Verbraucher zugutekommt, sondern langfristig auch die Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität des deutschen Versicherungsmarkts festigt.

Den Kernbereich des Versicherungsgeschäfts sieht die BaFin durch die neuen Anbieter am Markt nicht betroffen. Denn versichern heißt langfristig mehr, als schnell und innovativ am Markt agieren zu können. Wenn ein Insurtech Versicherungsgeschäft betreiben will, muss es ein starkes Interesse daran haben, langfristig als etabliertes und stabiles Versicherungsunternehmen wahrgenommen zu werden. Versicherung funktioniert auch im Zeitalter der Digitalisierung nur über einen sehr konventionellen Wert: Vertrauen.

Autoren

BaFin-Arbeitsgruppe für die Digitalisierung im Versicherungssektor

Fanden Sie den Beitrag hilfreich?

Wir freuen uns über Ihr Feedback

Zusatzinformationen

Ba­F­in­Jour­nal De­zem­ber 2016

Cover BaFinJournal 12/2016 (verweist auf: BaFinJournal Dezember 2016)

Europäisches Reformpaket / Insurtechs / OTC-Derivate / Aufsichtsräte

Hin­weis

Der Beitrag gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im BaFinJournal wieder und wird nicht nachträglich aktualisiert. Bitte beachten Sie die Allgemeinen Nutzungsbedingungen.

Nut­zungs­be­din­gun­gen