BaFin

Felix Hufeld

Finanzstabilität zwischen Anspruch und Wirklichkeit – wie planbar ist die nächste Krise?

Datum: 12.11.2018

Eröffnungsimpuls des Präsidenten der BaFin, am 12. November 2018 bei der Eröffnungskonferenz der 21. Euro Finance Week in Frankfurt am Main

Es gilt das gesprochene Wort.

Wie planbar ist die nächste Krise, meine Damen und Herren? Sehr gut, mittel oder gar nicht? Stellt man drei Antwortvarianten zur Verfügung, tendiert der Mensch bekanntlich dazu, die mittlere zu wählen. In diesem Fall läge man damit gar nicht so falsch.

Krisen sind Diven. Sie haben etwas Launenhaftes und tun uns nicht den Gefallen, dort aufzutreten, wo sie beim letzten Mal entstanden sind. Sie brechen auch nicht genau so aus, wie wir es uns vorstellen. Das macht die Sache kompliziert, weswegen wir im Direktorium der BaFin beschlossen haben, dass es fortan keine Krisen mehr gibt.

Und nun im Ernst: Auch mir, dem Präsidenten einer staatlichen Finanzaufsicht, ist natürlich bewusst, dass wir Krisen nicht gänzlich verhindern können. Was wir aber sehr wohl können: Krisen weniger wahrscheinlich machen und ihre zerstörerische Kraft mindern. Das entscheidende Instrumentarium dazu liefert uns gute und angemessene Regulierung. Nur mit ihr kann es gelingen, das öffentliche Gut Finanzstabilität zu schützen.

Die Regulierung der Jahrzehnte vor der Krise 2007/2008 erfüllte diese Qualitätsstandards nicht. Das ist hinlänglich bekannt.

Wenige Wochen nach dem Lehman-Kollaps stellten daher die G-20-Staats- und -Regierungschefs bei ihrem denkwürdigen Gipfel in Washington eine weitreichende Forderung, die ich immer wieder zitiere, weil sie in wenigen Worten das zusammenfasst, worauf es ankommt:

We pledge to strengthen our regulatory regimes, prudential oversight, and risk management, and ensure that all financial markets, products and participants are regulated or subject to oversight, as appropriate to their circumstances.1

Auf diesem Weg sind wir weit vorangekommen: Viele der Versäumnisse und falschen Anreize der Vorkrisenjahrzehnte sind bilanzrechtlich wie finanzregulatorisch behoben worden. Banken und der gesamte Finanzmarkt sind dadurch immerhin widerstandsfähiger geworden, wenn auch nicht unverwundbar. Ich gebe Ihnen nur vier Beispiele:

  1. Wir stellen heute quantitativ und qualitativ höhere Anforderungen an die Kapitalausstattung der Banken.
  2. Wir veranlassen die Institute, ausreichend Liquidität vorzuhalten.
  3. Wir haben Regeln und Mechanismen geschaffen, um taumelnde Bankenriesen abwickeln zu können.
  4. Und wir haben eine neue Teildisziplin der Regulierung etabliert, die den Schutz der Finanzstabilität als eigenständige systemische Kategorie zum Gegenstand hat: die makroprudenzielle Regulierung.

Mittlerweile befinden wir uns in der Phase der Implementierung, der ersten praktischen Erfahrungen und der Feinjustierung. Kehrt damit regulatorische Ruhe ein? Nein – jedenfalls nicht auf Dauer. Das Gros der Nachkrisenreformen mag abgeschlossen sein, Regulierung als solche ist es nie.

Ich selbst habe zwar immer wieder behauptet, die hohe Schule der Regulierung bestehe darin, nicht nur erkannte Fehler zu beheben, sondern auch künftige Verwerfungen gedanklich vorwegzunehmen. Das ist und bleibt naturgemäß ein hoher Anspruch.

Es gibt sie nicht, die eine große Reform, die alle bekannten und unbekannten Risiken abdeckt – und das für alle Zeit.

Nein, es führt kein Weg daran vorbei: Wenn wir auf Krisen vorbereitet sein wollen, müssen wir weiter in höchstem Maße aufmerksam bleiben. Drei Ansatzpunkte haben wir:

  1. Wir müssen uns sehr tiefgehend mit allen nur denkbaren Bedrohungen und Risiken befassen, auf deren Boden die nächste Krise gedeihen könnte – zunächst, um als Aufsicht handlungsfähig zu sein, aber auch, um zu erkennen, ob sich neue regulatorische Lücken auftun.

    Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit diesen Themen – in der BaFin, aber auch gemeinsam mit den Aufsehern anderer Länder und unseren makroprudenziell erfahrenen Kollegen der Zentralbanken.

    Als eine der Lehren aus der großen Krise 2007/2008 sind verschiedene Gremien gegründet worden, die ständig die Märkte nach neuen Risiken absuchen.

    Das Financial Stability Board (FSB) zum Beispiel, das die G20 nicht nur zum Koordinator der Nachkrisenregulierung gemacht haben, sondern zu einem eigenständigen globalen Risikowächter.

    Die Europäische Union hat nach Ausbruch der Krise ihr European Systemic Risk Board aus der Taufe gehoben, und in Deutschland entstand nach diesem Vorbild der Ausschuss für Finanzstabilität, in dem der Trilog Aufsicht-Zentralbank-Politik einen institutionellen Rahmen gefunden hat.

    Natürlich wird es uns auch in diesen Gremien nicht gelingen, Krisen exakt vorwegzunehmen. Aber nur wenn wir uns mit möglichen Szenarien befassen, haben wir die Chance, im Fall der Fälle angemessen zu handeln oder eine Krise sogar abzuwenden. Gewarnt ist gewappnet.

  2. Zweiter Ansatzpunkt: historisch wohlbekannte und regulatorisch gut erfassbare Einzelrisiken – darunter einige, von denen wir wissen: Sie tauchen immer wieder auf.

    Ein Paradebeispiel ist das Kreditrisiko, einer der Schwerpunkte der bisherigen mikroprudenziellen Verschärfungen und des aufsichtlichen Handelns. Wir haben mittlerweile ein zusätzliches Instrument, das uns hilft, den zyklischen Charakter dieses Risikos auch makroprudenziell unter Kontrolle zu halten: den antizyklischen Kapitalpuffer.

    Die Idee dahinter: In Zeiten übermäßigen Kreditwachstums sollen Banken einen zusätzlichen Kapitalpuffer aufbauen und so ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen. In schlechten Zeiten dient der Puffer als Reservepolster und verhindert, dass die Institute ihr Kreditvolumen übermäßig zurückfahren müssen.

    Damit soll prozyklisches Verhalten – und damit die berüchtigte Kreditklemme – verhindert werden. Die BaFin legt die Pufferquote vierteljährlich fest – bislang noch bei null.

    Die Milderung auch zyklischer Risiken mit den Mitteln der Finanzregulierung ist eine weitere wichtige Lektion aus der Krise 2007/2008. In ihrer praktischen Anwendung ist sie allerdings anspruchsvoll, wie wir in vielen europäischen Ländern sehen.

    Es gilt, eine Vielzahl unterschiedlicher politischer Interessen abzuwägen, um zu vernünftigen Lösungen zu gelangen.

  3. Dritter Ansatzpunkt: weniger leicht erfassbare Risiken, die aber – theoretisch – durchaus vorstellbar sind.

    Zum Beispiel eine Kumulation politischer Risiken und konjunkturelle Störungen auf globalem Niveau, aber auch großflächige Störungen durch Cyberrisiken.

    Um auf diese Known Unknowns angemessen vorbereitet zu sein, müssen wir die Widerstandsfähigkeit einzelner Institute und des Finanzsystems ganz allgemein erhöhen.

    Die Banken müssen Belastungen verdauen können, ohne dass sie gleich ins Taumeln geraten und die Funktionsfähigkeit des Finanzmarktes auf dem Spiel steht – egal, wo die Belastungen ausgelöst werden.

    Über die Kapitalanforderungen aus Säule I und II hinaus verlangen wir daher von allen Banken einen Kapitalerhaltungspuffer (Capital Conservation Buffer). Von den global systemrelevanten Instituten verlangen wir zudem einen weiteren Puffer (G-SRI-Puffer), von den anderweitig systemrelevanten Instituten ebenfalls (A-SRI-Puffer). Beide werden gerade peu à peu aufgebaut.

    Außerdem können wir auch für bestimmte Exposures Kapitalpuffer für systemische Risiken anordnen, um langfristige, nichtzyklische Risiken einzudämmen, die aus strukturellen Entwicklungen resultieren. Auch das ist angemessene, proportionale Regulierung.

    Das Ziel hier ist nicht, spezifische Einzelrisiken zu adressieren, – das geschieht durch andere Instrumente – , sondern die Resilienz des Finanzsystems insgesamt zu erhöhen.

Meine Damen und Herren,

ja, um von der nächsten Krise nicht überrascht zu werden, brauchen wir angemessene und gute Regulierung – auch neuer Risiken. Aber wir brauchen auch Wachsamkeit und – wenn erforderlich – Rigidität in der praktischen Anwendung.

Was wir nicht brauchen, ist ein erneuter Rückfall in Deregulierung und Aufsicht der leichten Hand. Wer diesen Weg beschreiten will, macht die nächste Krise zwar besonders gut planbar, allerdings in einer Weise, die uns nicht lieb sein kann: Sie ließe nicht lange auf sich warten.

Fußnote:

  1. 1 DECLARATION SUMMIT ON FINANCIAL MARKETS AND THE WORLD ECONOMY, November 15, 2008, Seite 3, abgerufen am 23. Oktober 2018 unter https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/EN/Standardartikel/Topics/Featured/G20/G20-Documents/2008-Washington-Summit.html.

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